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Stormarn Revolution im Stall: Kalbende Kuh simst dem Bauern
Lokales Stormarn Revolution im Stall: Kalbende Kuh simst dem Bauern
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06:58 30.06.2017
Vodafone-Geschäftsführer Alexander Saul durfte auch mal das Kälbchen „Udo“ streicheln, das vor zwei Wochen dank „Moocall” zur Welt kam. Landwirt Phillip Ellerbrock (l.) hält die „Ostfriesin“. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn
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Westerau

Per Satellit gesteuerte Traktoren holpern schon lange über deutsche Äcker. Doch die digitale Revolution macht auch vor dem Kuhstall nicht halt. Im kleinen Westerau sind republikweit jetzt die ersten Tiere online. Die Schwarzbunten vom dortigen Bauernhof schicken ihren „Chefs“ eine SMS, sobald ihre Wehen stärker einsetzen. So sind Bernd Ellerbrok (58) und sein Junior Phillip (27) auch nachts schnell zur Stelle, wenn sich ein Kälbchen ankündigt.

Auf dem Hof der Ellerbroks in Westerau gehen die Schwarzbunten online.

Möglich ist dies durch einen Transponder, der am Hinterteil der trächtigen Kuh befestigt wird. Während sich der Muttermund rhythmisch öffnet und schließt, bewegt sich nämlich auch der Schwanz schneller als sonst. Darauf reagiert das digitale Meldegerät namens „Moocall” und setzt eine Nachricht an die Bauern ab.

Inbrünstiges Muhen erfüllt dann die Schlafzimmer der Ellerbroks. Diesen Klingelton konnten sich Vater und Sohn nicht verkneifen. „Bei der ersten SMS ist man schon mal vorgewarnt, beim zweiten Mal heißt es: ,Jetzt aber Füße raus und ab‘“, erzählt Bernd Ellerbrok.

Früher wachte er nächtelang im Stall, wenn seine Schwarzbunten „dran waren“, um im Notfall eingreifen zu können. Dieses schlafraubende Geschäft gehört jetzt der Vergangenheit an, da er nun punktgenau zur Geburt geweckt wird.

Als altgedienter Feuerwehrmann weiß er aber auch, dass die Technik ihre Tücken hat und Fehlalarme möglich sind. Das nämlich kann schon mal im Sommer passieren, wenn allzu viele aggressive Fliegen im Stall unterwegs sind und der Schwanz auch ohne Wehen kräftig wedelt.

Für Bauer und Kuh scheint der „Moocall” indes vom beiderseitigem Vorteil. „Bei einer Geburt kann schon viel schiefgehen“, erzählt Junior Phillip Ellerbrok. Dann etwa, wenn das Kälbchen mit dem Hinterteil zuerst auf die Welt komme. Dabei bestehe die Gefahr, dass die Nabelschnur abreiße, während sich der Kopf des Tieres noch im Mutterleib befinde. Doch auch bei richtiger Lagerung könne es zu Komplikationen kommen. „Manchmal bleiben Kälbchen mit dem Vorderbein hängen und schaffen den Weg nicht allein aus dem Geburtskanal“, erzählt der Jungbauer.

Drei bis vier Prozent der Kälbchen verenden auf diese Weise. Das war bei den Ellerbroks nicht anders und da auf ihrem Hof pro Jahr etwa 120 Geburten anstehen, recherchierten sie intensiv, um ein System zu finden, das mehr Sicherheit bietet. „Wir hatten schon überlegt, Kameras im Stall anzubringen. Aber dann hätte man trotzdem Wache halten müssen“, sagt der Senior.

Der Durchbruch kam, als der Tierarzt von seiner Fortbildung aus Irland zurückkam und vom „Moocall”-Verfahren berichtete, das auf der grünen Insel erfunden wurde. Phillip Ellerbrok war gleich begeistert. Als erster Landwirt republikweit orderte er das Gerät. Nach neun Monaten Testphase plant er nun, ein weiteres anzuschaffen.

Die Innovation im Kuhstall rief gestern auch den Internet-Provider auf den Plan. Alexander Saul, Geschäftsführer der Vodafone Deutschland, ließ es sich nicht nehmen, eine digitalisierte Kuh mit Sim-Karte aus seinem Hause von Nahem zu betrachten. Die 910 Kilogramm schwere „Ostfriesin“ ließ sich den Transponder ohne Murren am Schwanz befestigen.

Neuer Markt

Die Kommunikation von Geräten untereinander wird auch Internet of Things (IoT) oder Internet der Dinge genannt. Im Warnmelder für den Kuhstall steckt denn auch eine besondere winzige Sim-Karte.

IoT eröffnet eine Fülle von Anwendungen. So wird ein auf Bewegung reagierendes Warnsystem eingesetzt, um Holzdiebe im Wald zu fassen. Reedereien kontrollieren damit den Füllstand von Flüssigkeitsbehältern, um rasch gegen Leckagen vorgehen zu können – ein expandierender Markt. Laut Voda-

fone-Chef Alexander Saul werden bis 2022 rund 50 Milliarden Maschinen vernetzt sein.

 Dorothea von Dahlen

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