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„Schaut nicht weg, wenn sie wieder marschieren!“

Bargteheide „Schaut nicht weg, wenn sie wieder marschieren!“

Zeitzeuge Sally Perel überlebte den Nationalsozialismus als Hitlerjunge Salomon — Vor Bargteheider Schülern erzählte er seine Geschichte.

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Bargteheide. . Sally Perel bezeichnet sich selbst als lebendes Geschichtsbuch: Aus seinen Erfahrungen als jüdischer Hitlerjunge zur Zeit der Nationalsozialismus hat er das lebendige Geschichtenbuch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ gemacht. Auch mit 91 Jahren zieht Perel als unermüdlicher Mahner durch die Welt, um von dem zu erzählen, was war, und damit zu verhindern, was wieder kommen könnte. Am Mittwoch war er vor rund 200 Schülern der Klassen neun und elf des Kopernikus Gymnasiums in Bargteheide zu Gast und erzählte aus seinem Leben. Sein Zeitzeugnis begreift er als Auftrag: „Ich bin der Letzte, hört mich noch, fragt mich noch“, wandte Perel sich an die Schüler und gab damit den Staffelstab des historischen Gewissens weiter. „Ihr kennt damit die Wahrheit aus erster Quelle, haltet sie wach.“

LN-Bild

Zeitzeuge Sally Perel überlebte den Nationalsozialismus als Hitlerjunge Salomon — Vor Bargteheider Schülern erzählte er seine Geschichte.

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Eineinhalb Stunden lang berichtete Perel, der nach dem Krieg nach Israel ausgewandert ist, von seiner Kindheit und Jugend in Deutschland. „Ich hatte eine glückliche Kindheit“, erklärte er, dann aber sei Hitler an die Macht gekommen und habe mit den Rassengesetzen seine Familie gezwungen, nach Polen zu flüchten. Als Hitler auch dort einmarschierte, kamen Perels Eltern — sein Vater war streng gläubiger Rabbiner — ins Ghetto. Er selber flüchtete gen Osten. „Damals war ich 14 Jahre alt und wusste nicht, dass ich meine Eltern nie wieder sehen würde. Meine Mutter sagte zu mir: „Du sollst leben.“ Dieser Satz bewog Perel dazu, sich bei der Gefangennahme durch die Wehrmacht als Nichtjude auszugeben. Da er perfekt Deutsch sprach und auch Russisch beherrschte, wurde er als Übersetzer eingesetzt und später in ein Hitlerjugend-Internat geschickt. So entkam Perel der Hinrichtung und überlebte unter dem Namen Josef als Hitlerjunge. „Meine Seele war in zwei Teile gespalten“, blickte er zurück, „Jude und Nazi lebten in einem Körper.“

Denn die Propaganda der Nazis und ihre perfide Gehirnwäsche griffen auch bei dem 16-jährigen Perel. „Ich habe ,Sieg Heil‘ gerufen und wusste doch gleichzeitig, dass Hitler die Juden vernichten wollte.“ Der Jugendliche lebte in ständiger Angst, dass seine Beschneidung ihn verraten könnte, und einmal wurde er auch entdeckt: „An der Front hat mich ein Kamerad umworben, ich wusste damals nichts von Homosexualität.“ Als der Mann Perel im Bad überraschte, flehte er um sein Leben. „Er hat mich beruhigt und war immer gut zu mir“, erinnert sich Perel an den Mann, der später gefallen ist.

„Wir hatten damit ein Geheimnis, denn auch Homosexuelle kamen ins KZ.“ Bei Kriegsende kam Sally Perel in Amerikanische Kriegsgefangenschaft und wanderte dann nach Israel aus.

Die Schüler verfolgten aufmerksam Perels Vortrag, hatten zuvor den Film zu seinem Leben gesehen und stellten viele Fragen. Perel sprach die Nachfolgegenerationen von jeglicher Schuld frei. „Schuld vererbt sich nicht“, betonte er. Aber es gebe immer Menschen, die weiter im braunen Gedankengut verharrten, das sei ein Verbrechen. „Wie stehen Sie zu Pegida?“, wollte eine Schülerin wissen. Perel blieb keine Antwort schuldig. „Die Menschen auf der Flucht müssen als Menschen hier empfangen werden“, betonte Perel. Nächstenliebe sei wichtig, die Nazis hätten Menschenhass gepredigt. Aber er gab auch dem Westen eine Mitschuld an der kritischen Lage in Syrien. „Der Westen hat Waffen an die Opposition geliefert und damit den Bürgerkrieg gefördert“, so Perel. „Die Waffen müssen gegen den IS gerichtet werden, nicht gegen Assad.“ Seinen Vortrag sieht er als Vorbeugung gegen Faschismus. „Schaut nicht weg, wenn sie wieder marschieren“, appellierte er an die Zuhörer. „Auch junge Menschen dürfen nicht aufhören, kritisch zu denken.“ Nur das sei ein Garant dafür, dass es nie wieder eine Diktatur in Deutschland gebe.

Sally Perel im Film

Sally Perel hat seine Erfahrungen während der Hitler-Diktatur 1985 unter dem Titel „Ich war Hitlerjunge Salomon“ aufgeschrieben. 1990 wurde der Stoff als „Hitlerjunge Salomon“ von Agnieszka Holland verfilmt, sein Leben ist auch Grundlage des Theaterstücks „Du sollst leben“.

Zwei Mal im Jahr geht Sally Perel auf Lesereise, um insbesondere Schülern von seinen Erfahrungen zu erzählen und sie vor der Gefahr des Faschismus zu warnen. Außer Sally Perel und seinen Brüdern Isaak und David hat keiner der Familie Perel den Nationalsozialismus überlebt.

Von Bettina Albrod

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