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Stormarn Sie reichen Schutzsuchenden die Hand
Lokales Stormarn Sie reichen Schutzsuchenden die Hand
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22:22 10.08.2018
Mitarbeiter der Migrationssozialarbeit in Bad Oldesloe. Lou Paul Buckendahl (2.v.r. hinten) ist Nachfolger von Kirstin Schwarz-Klatt (l.). Quelle: von Dahlen
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Bad Oldesloe

„Die Geschichten, die uns die geflüchteten Menschen anvertrauen, lassen sich weder in Zahlen ausdrücken noch können wir das erfahrene Leid messen. Dennoch ist es hier bei uns angekommen und benötigt viele Facetten von Hilfestellung und Unterstützung“, sagt Kirstin Schwarz-Klatt, scheidende Leiterin der Migrationssozialarbeit. Sie hat die Anlaufstelle in Bad Oldesloe vor 15 Jahren aufgebaut und weiterentwickelt. Ihre Position hat nun Lou Paul Buckendahl inne. Sie selbst ist als Pädagogische Leiterin in die Geschäftsführung des Diakonischen Werks gewechselt.

Schwarz-Klatt erinnerte an das Jahr 2015, als aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien 2200 Menschen in den Kreis Stormarn kamen und Aufnahme suchten. „Was da in der Kürze der Zeit geleistet wurde, war schon enorm“, sagte sie. Die intensive Phase habe auch den Kommunen viel abverlangt, so dass der Kreis Stormarn die Diakonie damals beauftragt habe, die Erstaufnahme der Asylsuchenden im Norden zu übernehmen. So sei der Mitarbeiterstamm der Migrationssozialarbeit von vier auf inzwischen 23 angewachsen – 13 Frauen und zehn Männer.

Während etwa Shirin Zarghami Moghaddam gerade erst eingetroffene Asylsuchende beim ersten Gang zur Ausländerbehörde und dann in die ihnen zugewiesene Gemeinde begleitet, übernimmt Jennifer Risch-Kühn als so genannte Sprach- und Kulturmittlerin die weitere aufsuchende Betreuung. Sie schaut bei den Familien vorbei, die in den größeren Sammelunterkünften sowie in Wohnungen oder Häusern untergebracht sind, hilft ihnen beim Ausfüllen von Anträgen, macht sie mit dem hiesigen Schulsystem vertraut. Zuweilen steht auch ein Arztbesuch auf dem Programm. „Ich ermuntere die Frauen auch, ihre Kinder in die Kita zu schicken, damit sie mehr Zeit für sich haben und tatsächlich Deutsch lernen können“, erzählt Jennifer Risch-Kühn. Alles in allem versuche das Team aber, die Asylsuchenden in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen. So habe es auch schon workshop-ähnliche Veranstaltungen zur Wohnungssuche, aber auch zu frauenspezifischen Themen gegeben. Die Kommunikation über soziale Netzwerke funktioniere hervorragend, so dass sich stets ein großer Kreis Interessierter einfinde. „Man muss nur die richtigen Multiplikatoren ansprechen, dann wird die Einladung weitergegeben“, sagt Schwarz- Klatt. Alles in allem lasse sich positiv beobachten, dass die Leute aktiver geworden seien.

Nach wie vor hapere es bei vielen Geflüchteten noch mit dem Spracherwerb, sagt Buckendahl. Dies liege daran, dass es über lange Phasen Wartelisten für Deutschkurse gegeben habe und einige Asylsuchende sogar davon ausgeschlossen seien aufgrund ihres Aufenthaltsstatus. Das treffe nicht nur auf Afghanen und Armenier zu, da ihre Länder offiziell als sicher gelten, sondern auch auf Menschen, die eigentlich einen höheren Schutzstatus genießen, unter Umständen aber aufgrund des Dublinabkommens in andere europäische Länder zurückgeschickt werden, weil sie dort ihren Erstantrag auf Asyl gestellt haben.

Dass anerkannte Flüchtlinge aufgrund der seit dem 1. August in Kraft getretenen Zuzugsregelung bald ihre engsten Familienangehörigen in die Arme schließen können, hält Buckendahl für sehr unwahrscheinlich. „Die Zahl ist bundesweit gedeckelt auf 1000 Personen pro Monat. Rein statistisch könnten nach Stormarn so gerade einmal fünf Angehörige nachkommen. Aber auch das nur aus ganz besonderen humanitären Gründen“, erklärt er. Vor dem Hintergrund, dass die Behörde, die solche Fälle prüfen und letztlich entscheiden solle, noch gar nicht arbeitsfähig sei, erscheine die ganze Regelung eher fragwürdig.

Wie Schwarz-Klatt erläuterte hat das politische Hin und Her um die Nachzugsregelung, die für zwei Jahre ausgesetzt war und nun unter hohen Auflagen wieder in Kraft gesetzt wurde, viele als schutzberechtigt anerkannte Menschen in Stormarn in ein Wechselbad der Gefühle gestürzt. „Und das stellt jetzt auch für die Kollegen eine enorme Belastung dar. Sie müssen um Verständnis für die neue gesetzliche Regelung werben und damit einen Beitrag zum sozialen Frieden leisten.“

Hilfe ist immer noch gefragt

2015 gelangten mit 2200 die meisten Asylsuchenden nach Stormarn. In den Folgejahren nahm die Zahl der aus unsicheren oder vom Krieg gezeichneten Ländern Geflüchteten stark ab – 2016 waren es 800, 2017 nur noch 200. Dagegen ist der Beratungsbedarf der Schutzsuchenden nach wie vor ungebrochen. War die Hilfe der Migrationssozialarbeit 2014 in nur 514 Fällen gefragt, so wuchs die Zahl 2016 auf 2609 Fälle an; im Vorjahr waren es auch immerhin noch 2286 Beratungen, die das Team leistete.

Dorothea von Dahlen

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