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Stormarn Sonne statt Benzin oder Diesel tanken
Lokales Stormarn Sonne statt Benzin oder Diesel tanken
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18:16 23.04.2016

Nahezu geräuschlos lenkt Malte Ihlemann (35) seine Limousine gen Zapfsäule. An der Tankstelle in Braak schiebt er nicht die Benzinpistole, sondern einen Stecker in den Tank. Den Kauf des Elektroautos hat der Handelsvertreter aus Großensee nicht bereut. „Ich bin viel unterwegs, etwa 50000 bis 60 000 Kilometer im Jahr“, erzählt er. Bei gemäßigter Fahrweise schafft er die Strecke Hamburg—Frankfurt/Main ohne zwischenzuladen. Doch das allein ist es nicht. In Hinblick auf die Zukunft seiner drei Kindern verspürt er eine starke Verpflichtung, die Umwelt zu schonen.

Doch das funktioniert nur, wenn der Strom auf schadstofffreie Weise hergestellt wird. In Hinblick auf die Elektromobilität gibt es im Kreis schon nachahmenswerte Beispiele wie etwa bei der Jenny AG in Bad Oldesloe. Autofahrer können ihr Strommobil dort mit Solarenergie betanken. Unter Regie der Vereinigten Stadtwerke GmbH sollen in der Kreisstadt perspektivisch noch weitere solcher Ladestationen entstehen.

Das Betanken eines E-Wagens sei aber auch im eigenen Haushalt möglich, sagt Isa Reher, Klimamanagerin des Kreises Stormarn. „Ich stelle mir vor, dass wir bis 2030 noch viel mehr Solarpanels auf den Dächern haben, nicht, um die Energie ins Netz einzuspeisen, sondern um sie selbst zu verbrauchen, wie etwa fürs Elektroauto“, sagt sie. Rückblickend habe sich die Zahl der Solaranlagen zwischen 2008 und 2015 im Kreis schon mehr als vervierfacht. Nach den jüngsten Erhebungen gebe es 1700 Einzelanlagen im Kreis mit einer potenziellen Leistung von 30 Megawatt.

Noch halten sich die Stormarner beim Kauf von E-Autos aber vornehm zurück. Lediglich 129 haben laut der Zulassungsstelle des Kreises ein strombetriebenes Fahrzeug angemeldet — aber deutlich mehr als 2013. Damals waren es nur 37.

Was den Einsatz regenerativer Energien zur Stromerzeugung im Gesamtmaßstab anbelangt, so gehört der Kreis nicht gerade zu den Spitzenproduzenten (siehe Interview). „Das ist eigentlich auch nicht so wichtig“, sagt Isa Reher. Denn mit seinen Bedingungen als Binnenstandort sei der Kreis für Windräder ohnehin nur begrenzt geeignet und auch die Zahl der Biogasanlagen werde künftig nicht großartig zunehmen.

Um dem Ziel näherzukommen, den CO2-Ausstoß im Kreis zu verringern, bringe es derzeit wenig, noch größere Kapazitäten regenerativer Energie ins Netz einzuspeisen, ist sich die Expertin vom Kreis sicher. Sinnvoller sei es, der Wärmeversorgung mehr Aufmerksamkeit zu schenken. „Den größten Klimaschaden richten wir nämlich beim Heizen und beim Warmwasserverbrauch an. Das macht 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland aus“, sagt Reher.

Wie viele andere Klimaexperten blickt auch sie fasziniert hinauf zum Nachbarland im Norden. Dort hat sich in den vergangenen drei Jahren einiges auf dem Wärmemarkt verändert. Um die grüne Energiewende zu beschleunigen, hat die dänische Regierung nämlich Anfang 2013 ein Gesetz erlassen, nach dem öl- und gasbefeuerte Heizsysteme in Neubauten verboten sind — es sei denn, das Haus liegt im Gebiet mit Erdgasanschluss. Ab diesem Jahr gilt diese Regelung sogar für Bestandsbauten. Das hat eine Welle von innovativen technischen Lösungen losgetreten, die deutschen Fachleute leuchtende Augen bereiten.

Ein Ergebnis der Forschungen sind etwa thermische Solarparks. Im südlichen Jütland gelegenen Vojens etwa misst das 37-Megawatt-Kollektorfeld 52 000 Quadratmeter. Der Wärmepreis ist so günstig, dass er durchaus eine Alternative zu Gas und Öl darstellt. Laut Isa Reher könnte so ein Projekt auch in Stormarn entstehen. Der Flächenverbrauch, der oft als Argument gegen solche Anlagen angeführt werde, könne durch gleichzeitige Tierhaltung zwischen den Solarfeldern kompensiert werden. Denkbar sei aber auch der vermehrte Einsatz von Wärmepumpen, die nach einem ähnlichen Prinzip funktioniere wie Kühlschränke, nur andersherum. Während Letzterer seinem Innenraum die Wärme entziehe und nach außen abgebe, um zu kühlen, mache sich die Pumpe das Temperaturgefälle in anderer Richtung zunutze. Sie befördere die Wärme von draußen ins Haus. „Auch viele kleine Blockheizkraftwerke könnten viel bewirken. Für ein Einzelhaus sind sie zu groß, aber einen Wohnblock könnte man damit gut heizen“, sagt Reher. Nicht zuletzt gelte es, Energie sparsam und effektiv einzusetzen. Der Kreis sei mit vernetzten Rechnern, schaltbaren Steckdosen und virtuellen Servern schon auf einem guten Weg.

„Wenn wir die Energiewende schaffen wollen, müssen wir unseren Kindern und Kindeskindern schon das Umdenken nahebringen“, sagt die Klimamanagerin und trägt ihre Ideen deshalb auch in die Schulen Stormarns.

Von Dorothea von Dahlen

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