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Stormarn „Der Wohnungsmangel ist riesig“
Lokales Stormarn „Der Wohnungsmangel ist riesig“
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09:31 14.01.2019
Henning Görtz in seinem Büro in der Kreisverwaltung in Bad Oldesloe. Der 52-Jährige wuchs in Bargteheide auf, studierte in Hamburg und wurde Diplom-Kaufmann. Görtz war anschließend Geschäftsführer der CDU Stormarn, danach Referent im Kieler Finanzministerium für den damaligen Minister Rainer Wiegard. 2008 wurde er zum ersten Mal zum Bürgermeister von Bargteheide gewählt. Seit April 2016 ist Henning Görtz Landrat. Er ist verheiratet, hat einen Sohn und wohnt weiterhin in Bargteheide.   Quelle: mc
Bad Oldesloe

Die LN treffen Henning Görtz in seinem Büro in Bad Oldesloe. Gerade eben war er noch im Bauamt, um sich über einige Projekte zu informieren. Diese Abteilung ist auch intern stark gefordert, denn aufgrund des wachsenden Personalbedarfs werden immer mehr Räume für die Kreisverwaltung benötigt. Zum Glück wurden Gebäude in unmittelbarer Nähe gefunden, am Bahnhof die ehemaligen Büros der Deutschen Rentenversicherung sowie Räume der Verwaltung des Amtes Bad-Oldesloe-Land in der Mewesstraße. Diese zieht ja bekanntlich um in ein neues Gebäude in der Louise-Zietz-Straße. Zu diesem und anderen Themen bezieht der Landrat Stellung.

Der Landrat ist jetzt auch bei Twitter. Wie kam es dazu?

Ich bin nicht aktiv bei Twitter, aber ich lese die Meldungen dort. Und zwar nicht nur die von Donald Trump, die ja manchmal wirklich abenteuerlich sind, sondern zum Beispiel auch die von unserer Rettungsleitstelle. Die berichtet ja dort über Ihre Einsätze im Kreis Stormarn. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, mich dort zu informieren. Bei Facebook bin ich übrigens auch angemeldet, aber auch dort nicht aktiv, sondern als passiver User.

Lesen Sie denn morgens noch Tageszeitungen auf Papier, oder auch schon digital?

Ich lese jeden Tag alle vier für den Kreis Stormarn relevanten Zeitungen – noch ganz klassisch auf Papier.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung der Kreisverwaltung? Ist sie eine Möglichkeit, den drohenden Personalmangel aufzufangen?

Die Digitalisierung hat ja zwei Ausrichtungen. Zum einen, dass wir unsere Dienstleistungen den Bürgern auch digital anbieten. So steht es im Online-Zugangsgesetz, doch auch ohne Gesetz halte ich das in der heutigen Zeit für eine Selbstverständlichkeit.

Wie gut sind Sie dafür schon aufgestellt?

Wir haben in diesem Jahr erstmals vier Stellen für Organisatoren eingeworben, die unsere Prozesse erstmal digital beschreiben und abbilden, z.B. ein Bauantrag, ein Führerscheinantrag, eine Einbürgerung oder die Kfz-Zulassung. Außerdem haben wir schon Schritte unternommen hin zur elektronischen Akte. Da komme ich zu dem Punkt, wo Digitalisierung nach innen wirkt. Es geht also nicht nur darum, wie der Bürger unsere Angebote nutzen kann, sondern auch, wie wir hier in der Kreisverwaltung arbeiten. Das ist immer noch sehr papierlastig. Da ist die Privatwirtschaft in vielen Bereichen schon viel weiter, genau wie die öffentlichen Verwaltungen in anderen europäischen Staaten. Da haben wir die Deutschland großen Nachholbedarf. Ich verspreche mir davon, dass unsere Prozesse strukturierter und effizienter werden.

Und dann könnten Sie auch mit weniger Personal arbeiten?

Da bin ich vorsichtig und wage keine Prognose. Denn auf uns kommt ohnehin in den kommenden Jahren noch mehr Arbeit zu durch steigende Fallzahlen und neue Gesetze. Ich erinnere da nur an das Bundesteilhabegesetz, was uns einen erheblichen Personalmehrbedarf beschert hat. Wenn wir also durch die Digitalisierung nur diesen Personalaufwuchs einigermaßen abdämpfen können, wäre das schon ein Erfolg. Ob wir Personal einsparen können, muss die Zeit zeigen. Da bin ich mir nicht so sicher.

Also der Fachkräftemangel bleibt weiter ein großes Thema in den Verwaltungen?

Ja, das bleibt ein Riesenthema bei jeder frei werdenden und neu geschaffenen Stelle. Allein durch Altersabgänge werden bei uns in den kommenden Jahren über 200 Stellen frei. Und bei vielen Stellenausschreibungen haben wir keinen Berg an Bewerbungen mehr wie vor Jahren noch, sondern nur noch drei, vier Interessenten.

Was tun Sie aktiv gegen den Fachkräftemangel. In einigen Verwaltungen werden schon Extra-Prämien gezahlt.

Davon halte ich gar nichts. Ich halte auch nichts davon, bei anderen Verwaltungen abzuwerben, wir kannibalisieren uns nur selbst. Aus meiner Sicht sind zwei Wege im gesamten öffentlichen Dienst erfolgreich: Zum einen müssen wir mehr ausbilden. Wir haben unsere Stellen verdoppelt von acht auf 16 Auszubildende im Jahr, die wir einstellen. Diese Leute müssen wir danach an uns binden. Das ist das beste Personal, was man haben kann. Und wir müssen uns öffnen für Quereinsteiger. Daneben müssen wir uns mehr denn je als attraktiver Arbeitgeber präsentieren, sei es auf Jobmessen, in den Medien, mit dem Karriereportal auf unserer Homepage oder auch mit Angeboten wie dem Jobticket des HVV oder betrieblichem Gesundheitsmanagement. Da haben wir zum Glück eine sehr agile Personalabteilung mit vielen guten Ideen.

Dem Kreis Stormarn wird ein großes Bevölkerungswachstum prognostiziert. Das vom Kreis initiierte Bündnis für bezahlbaren Wohnraum hat bisher keinen großen Erfolg, weil die Kommunen doch lieber Einfamilienhäuser bauen. Wäre da eine kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft nicht doch die bessere Lösung?

Nein, denn es gibt zwei große Probleme, die der Kreis allein nicht lösen kann, egal ob mit einem Bündnis oder einer Gesellschaft: Erstens wo haben wir baureife Grundstücke und zweitens wie gestalten wir Bebauungspläne? Und das sind Aufgaben der Kommunen. Mit einer Gesellschaft hätten wir kein einziges Grundstück und keinen einzigen Bebauungsplan mehr.

Wie sieht dann die Lösung aus?

Wir müssen in einem intensiven Dialog mit den Kommunen für Bauland sorgen, das auch für Geschosswohnungsbau geeignet ist. Der Wohnungsmangel ist riesig. Der Bedarf ist mittlerweile sicher noch höher als die in einem Gutachten beschriebenen 1000 neuen Wohnungen pro Jahr bis 2030. Das kommt zum einen durch immer mehr ältere Menschen und zum anderen auch durch die anerkannten und integrierten Flüchtlinge, die nun auf den Wohnungsmarkt drängen. Ich würde auch nicht sagen, dass das Bündnis kein Erfolg ist. Es steckt ja noch in den Kinderschuhen. In diesem Frühjahr werden wir als Verwaltung zusammen mit der Politik und den Wohnungsbau-Unternehmen in diesem Jahr noch einmal verstärkt die Kommunen und Amtsverwaltungen auf die Chancen, die das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum bietet, hinweisen. Klar ist, dass sich der Bedarf gewandelt hat. Wir brauchen nicht mehr so viele Einfamilien- und Doppelhäuser, sondern mehr bezahlbare Geschosswohnungen. Und das auch im ländlichen Bereich. Allerdings haben das auch schon viele Bürgermeister erkannt.

Es gibt nicht nur immer mehr Ältere, sondern auch junge Familien, die nach Stormarn ziehen. Können Sie denen versprechen, dass mittelfristig die in Stormarn vergleichsweise hohen Kita-Beiträge sinken?

Ich bin froh über die Kita-Reform des Landes, die drei Ziele verfolgt. Erstens eine Qualitätsverbesserung, zweitens eine Entlastung der Kommunen, die bei der Kita-Finanzierung an ihre Grenzen kommen, weil sich die Kosten vervielfacht haben durch steigende Kinderzahlen und zudem immer mehr Krippenplätze für die Kinder unter drei Jahre. Und drittens sollen die Eltern entlastet werden. Landesweit soll es eine Vereinheitlichung geben, und das Land hat angekündigt, für niedrigere Beiträge seinerseits viel Geld in die Hand zu nehmen. Jetzt muss das Land liefern. Die hohen Kita-Kosten sind übrigens auch ein Grund für die Kommunen, nicht so stark in den Wohnungsbau zu investieren. Denn sie haben Angst vor den Folgekosten, z.B. durch die notwendige Schaffung neuer Betreuungsplätze.

Was wird 2019 in Stormarn das wichtigste Projekt?

Wir haben mehrere große Investitionen wie den Bau der Rettungsleitstelle für rund 20 Millionen Euro, die Erweiterung der Beruflichen Schule in Bad Oldesloe mit etwa sieben Millionen und den Bau des Rettungszentrums in Hammoor für 6,5 Millionen. Verwaltungsintern stehen zudem größere Umzüge an wie der der Ausländerbehörde, dazu kommen wie schon angesprochen die Digitalisierung und die Personalgewinnung.

Gibt es schon potenzielle Standorte für die Leitstelle?

Wir wollen auf jeden Fall im Raum Bad Oldesloe oder Nordstormarn bleiben, einfach weil das der zentrale Standort ist, da die Leitstelle auch für die Kreise Ostholstein und Herzogtum Lauenburg zuständig ist.

Im Mai ist Europawahl. Warum sollte der Stormarner dahin gehen?

Ich bin ein großer Fan der europäischen Einigung. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir viele Probleme haben mit Intoleranz und Egoismus, wird immer wieder vergessen, dass wir seit 1945 in Europa Frieden haben. Das wiederum hängt unmittelbar mit der europäischen Einigung zusammen. Diese Stabilität wird von vielen derzeit ausgeblendet. Damit diese Themen wieder stärker ins Bewusstsein der Leute gelangen, müssen wir wieder mehr über Europa reden und deshalb sollte auch jeder zur Europawahl gehen.

Ist Stormarn auf die Feste Fehmarnbelt-Querung vorbereitet? Vielen Bürgern scheint noch immer nicht bewusst zu sein, dass dann erheblich mehr Güterzüge durch den Kreis rollen?

Unabhängig von der Beltquerung gehen die Gemeinden ja das Thema höhengleiche Bahnübergänge an. In Reinfeld wird zum Beispiel intensiv über das Projekt der Bahnüberführung gesprochen. Die Verkehrsfrage haben die Kommunen im Blick. Besonders intensiv beobachte ich allerdings das Thema Lärmschutz entlang der Bahnstrecke in den vier großen Orten Reinfeld, Bad Oldesloe, Bargteheide, Ahrensburg. Da hoffe ich, dass die Bahn die richtigen Maßnahmen ergreift.

Wird Stormarn von der Festen Beltquerung profitieren?

Ja! Ich verspreche mir sehr viele wirtschaftliche Impulse für unseren Kreis, z.B. durch Handel, Produktion und Logistik, nicht nur für die Gewerbegebiete entlang der Autobahn, sondern auch für den Tourismus. Es werden sicher mehr Gäste aus Skandinavien zu uns kommen.

Gewerbegebiete ist ein gutes Stichwort. Mögliche Flächen für neue Gebiete sind rar gesät.

Das ist ein Dauerbrenner. Das Problem ist weniger, Gewerbeflächen zu vermarkten, denn der Bedarf ist weiter riesig. Und die Wirtschafts- und Aufbaugesellschaft macht da wirklich einen Super-Job. Das Problem ist tatsächlich, neue Flächen zu finden. Zum Glück tut sich jetzt endlich etwas in Bad Oldesloe an der Autobahn, der Autohof in Hammoor kommt ja auch endlich, und beim länderübergreifende Gewerbegebiet in Stapelfeld geht es nun auch zügig voran.

Noch mal zur Beltquerung. Was ist schneller fertig: der Tunnel oder die S4-Verbindung von Hamburg nach Bad Oldesloe?

Ich hoffe, dass die S4 fertig ist, wenn der Güterverkehr und auch Personenfernverkehr auf der Bahnlinie ansteigt. Denn sonst wird der ÖPNV noch weniger zuverlässig. Wir haben ja jetzt schon große Probleme. Das ist gar keine Kritik an der Bahn, sondern liegt daran, dass die Strecke so stark frequentiert ist. Schon bei der geringsten Störung kommt es im Nahverkehr zu Verzögerungen. Deswegen brauchen wir die S4 ganz dringend.

Zeitsprung ins Jahr 2030: Fährt der Landrat Henning Görtz dann mit der S4 von Bargteheide nach Bad Oldesloe oder mit dem Elektroauto?

Je nachdem, ich fahre manchmal mit der Bahn zur Kreisverwaltung, meistens fahre ich aber mit dem Auto. Ein guter ÖPNV ist genauso wichtig wie eine zukunftsweisende Mobilität. Und die Elektromobilität wird eine ganz starke Säule werden.

Also gehen Sie davon aus, 2030 noch Landrat zu sein?

Das entscheidet ja der Kreistag. Gewählt bin ich bis 2022. Weil es wirklich Spaß macht, möchte ich mich dann noch mal bewerben und hoffe auf eine weitere Amtszeit. Dann wären wir im Jahr 2028. Um noch weiter in die Zukunft zu blicken würde ich eine Glaskugel benötigen . . .

Markus Carstens

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