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Stormarn Tödlicher Streit in Obdachlosenunterkunft: Sieben Jahre Haft für 22-Jährigen
Lokales Stormarn Tödlicher Streit in Obdachlosenunterkunft: Sieben Jahre Haft für 22-Jährigen
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20:48 14.11.2017
19. Februar 2017: Kriminaltechniker sichern Spuren am Tatort in der Oldesloer Mommsenstraße.  Quelle: jeb
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Bad Oldesloe/Lübeck

Die beiden Flüchtlinge hatten zusammen in einem Zimmer in der Obdachlosenunterkunft in der Mommsenstraße gewohnt. Weil sie häufig stritten, schlief das spätere Opfer – ein junger Mann aus dem Irak – meistens bei seiner Betreuerin oder Freunden.

Wegen Totschlags ist am Dienstag ein 22-jähriger gebürtiger Afghane zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte im Februar in Bad Oldesloe einen 23-Jährigen getötet hat.

„Der Angeklagte wollte sich rächen und hat dabei den Tod seines Gegenübers billigend in Kauf genommen.Christian Singelmann, Richter

Am 19. Februar dieses Jahres war es bei einem kurzem Besuch des Irakers zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen, an deren Ende der 23-Jährige nach zwei Messerstichen auf der Straße verblutete – vor den Augen seiner Betreuerin, die zusammen mit Notarzt und Rettungsdienst vergeblich um das Leben des jungen Mannes kämpfte.

Die Zeugenaussagen der Frau sowie eines dritten Heimbewohners ließen das Gericht zu dem Schluss kommen, dass die Tat kein Unfall war. Diese Version hatte der 22-jährige Angeklagte geschildert.

Der junge Afghane habe eine Bratpfanne und einen Aschenbecher nach seinem Kontrahenten geworfen, hatte der andere Unterkunftsbewohner vor Gericht ausgesagt. Schließlich habe er ein Steakmesser ergriffen und sei „wie von Sinnen“ und nur mit einer Unterhose bekleidet dem Iraker auf die Straße hinterhergerannt, um sich dort auf ihn zu stürzen.

„Der Angeklagte wollte sich nach der Prügelei rächen und hat dabei den Tod seines Gegenübers billigend in Kauf genommen“, sagte der Vorsitzende Richter Christian Singelmann bei der Urteilsbegründung.

Zugute hielt er dem 22-Jährigen, dass er von Anfang an größtenteils geständig war und die Tat bereute. „Er selbst leidet nach eigener Auskunft immer noch darunter“, sagte Singelmann. Allerdings schenkte die I. Große Strafkammer am Lübecker Landgericht der Version des Angeklagten keinen Glauben, nach der er sich den am Ende tödlichen Stich in die Halsschlagader nicht erklären könne.

Anderthalb Stunden hatte der Notarzt um das Leben des 23-Jährigen gekämpft, der jedoch noch am Tatort im Rettungswagen starb.

„Es sah aus wie auf der Flucht“, hatte die Oldesloer Flüchtlingsbetreuerin im Zeugenstand zu Protokoll gegeben. Dann sei der Iraker gestürzt, und der Angeklagte habe sich aus dem Lauf auf sein Opfer geschmissen. „Das war zielgerichtetes aggressives Agieren“, sagte Richter Singelmann und sah daher den Tatbestand der fahrlässigen Tötung erfüllt. Das Gericht sprach von einem bedingten Tötungsvorsatz.

Eine Affekthandlung, wie sie die Verteidigung sah und daher lediglich sechs Jahre Haft gefordert hatte, konnten die Richter jedoch nicht erkennen. Die Staatsanwaltschaft hatte siebeneinhalb Jahre gefordert.

Während des Prozesses kamen dem Angeklagten häufig die Tränen, und er vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Gestern bei der Urteilsverkündung blieb er nahezu regungslos.

Seit dem Tattag sitzt der Afghane, der kein Deutsch spricht, in Untersuchungshaft. Nun kommen einige Jahre Gefängnis hinzu. Die volle Haftstrafe wird er wohl nicht verbüßen. „Meist werden Flüchtlinge nach der Hälfte oder etwa zwei Drittel der Zeit abgeschoben“, erklärte sein Verteidiger Ralf Wassermeyer aus Lübeck.

 Von Markus Carstens

 

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