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Stormarn „Trau dich!“ — ein Theaterstück will Kindern Mut machen
Lokales Stormarn „Trau dich!“ — ein Theaterstück will Kindern Mut machen
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20:52 19.09.2013
Johannes Börlinger (v. l.), Charlotte Baumgart, Lisa Scheibner und Helge Gutbrod reisen mit ihrem Theaterstück durch Schleswig-Holstein. Quelle: Fotos: ba

Zu seinem Leidwesen wird der zehnjährige Vladimir bei jedem Besuch von Oma gnadenlos abgeschlabbert. Paula ist zwölf und will noch nicht küssen, und Luca wird im Schwimmbad missbraucht. In beispielhaften Szenen zeigt die Kompanie Kopfstand im Rahmen einer Kooperation des Landes Schleswig-Holstein mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dem Bundesministerium für Familie ihr Theaterstück „Trau Dich!“ zur Prävention von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Gestern machte es in Bargteheide Station; Schleswig-Holstein ist das erste Bundesland, das an der Aktion teilnimmt.

„Nach den Vorfällen an der Odenwald-Schule und in vielen Kirchen wollte die Regierung handeln“, erklärt Organisatorin Bettina Brünner. Im März wurde das Theaterstück initiiert, bei dem Kinderrechte, körperliche Selbstbestimmung und sexueller Kindesmissbrauch thematisiert werden. Ziel ist es, Kinder zwischen acht bis zwölf Jahren über ihre Rechte aufzuklären, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen zu zeigen, wie sie im Falle eines Missbrauchs Hilfe bekommen. Begleitet wurde die Vorführung von Vertretern der Fachberatungsstellen im Kreis. Knapp 500 Kinder kamen ins Kleine Theater, erlebten das Stück und können es in der Schule nachbereiten.

„Vor der Aufführung hat es einen Elternabend und Workshops für die Lehrkräfte gegeben“, so Bettina Brünner. Das Stück biete Problemszenen und Lösungen dafür an. „Einfach zurück schlabbern“, schlägt ein Zuschauer vor, „einen Brief schreiben“ oder „die Eltern mitnehmen“, rufen andere. Angeregt durch das Problem suchen die jungen Zuschauer selbständig nach Lösungen. Die Interaktion ist Teil des Konzepts. „Wir fragen die Kinder vorher, machen Fotos und bauen das in das Theaterstück ein“, erläutert Lisa Scheibner von der Theaterkompanie. Der Jubel ist groß, wenn die Schüler sich erkennen, gleichzeitig verringert das die Distanz zum Gezeigten. Probleme wie das mit der Oma kennt jeder, Lucas‘ Problem im Schwimmbad leider auch manches Kind. „Es ist schon zweimal vorgekommen, dass Kinder sich nach dem Stück jemandem anvertraut haben“, sagt Bettina Brünner.

In Stormarn stehen dafür Irmela Reynders von der evangelischen Beratungsstelle, Gisela Bojer von Frauen helfen Frauen, Petra Linzbach vom Kreisjugendamt oder Irene Marwitz vom Deutschen Kinderschutzbund bereit. „Es gibt auch in Stormarn Familien, in denen das vorkommt“, bestätigt Irmela Reynders. „Hier ist Unterstützung nötig. Wir erfahren davon, wenn die Menschen zu uns kommen.“

Darüber kann viel Zeit vergehen, „viele Frauen melden sich erst als Erwachsene“, hat Gisela Bojer die Erfahrung gemacht. Typische Anzeichen für Missbrauch gebe es nicht. „Es ist aber ein Alarmzeichen, wenn Kinder abbrechen, was sie sonst gerne gemacht haben“, sagt Irene Marwitz. Bauchschmerzen, Rückzug, Anzeichen von Belastung können Indizien sein. Oft entwickelten die Opfer Schuldgefühle. Oder sie rufen verschlüsselt um Hilfe, ohne gehört zu werden. „Man weiß, dass Kinder bis zu acht Erwachsene ansprechen, bis einer verstanden hat, worum es geht“, so Theaterfrau Lisa Scheibner.

Sie haben für ihr Stück drei Monate lang mit Kindern gearbeitet. „Das Stück soll stärken und Spaß machen“, fasst sie das Ziel zusammen. „Alles läuft auf Augenhöhe, es ist ein gemeinsamer Suchprozess. Gefühle sind das Grundthema.“ Schulrätin Kirsten Blohm-Leu begrüßt die Initiative: „Prävention ist wichtig, sie sollte im Vordergrund stehen.“ Petra Linzbach vom Jugendschutz des Kreises wünscht sich, dass Schulsozialarbeiter für die Kinder zu Vertrauenspersonen werden.

449 Fälle wurden im vergangenen Jahr angezeigt
Bis Ende des Jahres sind 16 Theateraufführungen in acht Kreisen und kreisfreien Städten geplant. Damit erreicht die Initiative mehr als 4000 Kinder im Grundschulalter. Dazu gibt es 16 Fortbildungsveranstaltungen für etwa 240 schulische Fachkräfte in SchleswigHolstein. Bundesweit läuft die Initiative bis 2014. Nächster Auftritt ist am Mittwoch in den Lübecker Kammerspielen.

2012 wurden in Schleswig-Holstein 449 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs bekannt, zudem muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. 83,3 Prozent der Fälle wurden aufgeklärt. Die meisten Täter stammen aus den Familien oder aus dem nahen Umfeld der Opfer. Die Initiative wird wissenschaftlich begleitet, um zu untersuchen, ob die Zielgruppe erreicht wird und ob die Aktion nachhaltig wirkt.

Bettina Albrod

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