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Stormarn Türken in Bad Oldesloe trauern um die Opfer von Istanbul
Lokales Stormarn Türken in Bad Oldesloe trauern um die Opfer von Istanbul
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22:57 13.01.2016
Standen gestern unter Schock: Nacije Mandal (l.) und Ferhan Dinc im Backshop an der Hude. Quelle: Thormählen

„Ich bin tief erschüttert über das Attentat in Istanbul und fühle mit den Angehörigen der Opfer aus Deutschland“ — Nacije Mandal (33), Chefin im Backshop an der Oldesloer Hude, stand gestern die Trauer um die Ereignisse in ihrer Heimat ins Gesicht geschrieben. Und Önder Karanfil (39), Vorsitzender des SV Türkspor, unterbreitete einen Vorschlag, um dieses schlimme Ereignis für alle begreifbarer zu machen: „Wir sollten auch während des Freitagsgebetes in der Moschee in Bad Oldesloe der Opfer gedenken und deutlich machen, dass dieser Terror Unrecht ist.“

24 Stunden nach dem Selbstmordattentat zwischen Blauer Moschee und Hagia Sophia im Zentrum von Istanbul waren die Folgen des Anschlages, bei dem mindestens zehn deutsche Touristen ums Leben kamen, auch in Bad Oldesloe das beherrschende Thema innerhalb der türkischen Gemeinde. Nacije Mandal, die seit drei Jahren in der Kreisstadt lebt und aus Antalya stammt, hatte gerade Besuch von Ferhan Dinc.

Die 59-Jährige lebt in Usak und verbringt ihren Urlaub in Bad Oldesloe. In der Ablehnung terroristischer Anschläge waren sich die beiden Frauen einig. Wichtig sei jetzt, dass das Verbrechen in der Metropole am Bosporus restlos aufgeklärt werde. „Man darf auch keine Sympathie für diese Täter haben und sie auf keinen Fall unterstützen“, betonte Nacije Mandal.

Sie geht davon aus, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken auch nach diesem Attentat nicht verschlechtern werde: „Die meisten Deutschen können sehr gut zwischen uns und diesen Verbrechern unterscheiden. Ich fühle mich sehr wohl in Bad Oldesloe — hier spielt auch die Religion im Zusammenleben keine Rolle, egal ob die Menschen Muslime oder Christen sind.“

„Ich bin tief entsetzt. Und ich finde es besonders schlimm, dass es sich bei den vielen Toten um Deutsche handelt“, sagte Önder Karanfil. Der Vorsitzende des Sportvereins Türkspor geht ebenfalls davon aus, dass sich das Zusammenleben von Deutschen und Türken nicht negativ verändern werde: „Wir werden jetzt vielleicht sogar enger zusammenrücken und intensiv darüber sprechen.“

An die zahlreichen Veranstaltungen der muslimischen Gemeinde in der Oldesloer Moschee, zu denen auch viele deutsche Gäste in die Turmstraße gekommen waren, erinnerte Yavuz Bilgic (46), der sich in den vergangenen Jahren für ein besseres Miteinander engagiert hatte. Dies führe dazu, dass sich die Menschen besser kennengelernt hätten und angesichts der aktuellen Vorgänge auch differenzieren könnten. „Der Anschlag in der Türkei ist für uns ein besonderes Thema, auch wenn ich — ebenso wie meine Kinder — in Deutschland eingebürgert bin. Erfreulicherweise habe ich noch keine negativen Äußerungen von Deutschen gegenüber türkischstämmigen Mitbürgern gehört“, sagte Yavuz Bilgic.

„Die gesamt türkische Gemeinde steht unter Schock“, erklärte Aygün Caglar (40), der als bürgerliches Mitglied der Oldesloer CDU-Fraktion angehört. Der Anschlag sei eine Katastrophe und der Kommunalpolitiker zeigte sich „sehr besorgt“. „Aber für das Zusammenleben in Bad Oldesloe wird dies keine Folgen haben“, so Aygün Caglar.

Auch aus dem Gesicht von Ferit Tekbas, der in der Beste-Bar seine Gäste bewirtet, war das sonst so fröhliche Lächeln gewichen. Der 49-Jährige stammt aus Antakya nahe der Grenze zu Syrien: „Es hat völlig unschuldige Menschen getroffen, die als Touristen doch nur Istanbul kennenlernen wollten. Ich spreche auch mit meinen deutschen Gästen darüber, die den Türken keinen Vorwurf machen. Sie wissen, dass wir damit nichts zu tun haben.“

Oldesloer reisen trotzdem in die Türkei
Keinerlei Stornierungen für Reisen in die Türkei haben die Oldesloer Reisebüros nach dem Anschlag am Dienstag in Istanbul zu verzeichnen. „Wir haben nicht einen Anruf erhalten. Das hat uns auch gewundert“, sagt Hans-Jürgen Schügner, Chef des gleichnamigen Reisebüros in der Bahnhofstraße. Städtereisen nach Istanbul seien im Augenblick ohnehin keine gebucht, berichtet der 75-Jährige. Aber auch die bereits gebuchten Fahrten seiner Kundschaft an die türkische Mittelmeerküste im Frühjahr oder Sommer stehen nach seinen Angaben nicht infrage. Der Reiseexperte hat dafür nur eine Erklärung: „Die Kunden haben sich daran gewöhnt. Man kann es wohl so burschikos sagen: Wir leben mit den Katastrophen.“
Im Tui-Reisecenter am Mühlenplatz haben die Mitarbeiterinnen indes eine gewisse Vorsicht bei den Kunden festgestellt. „Aber wer gerne in die Türkei möchte, der fährt auch“, sagen sie. Erst vorgestern habe man eine Anfrage für einen Türkei-Urlaub gehabt. vb

Michael Thormählen

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