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Stormarn Ungenormte Zucchini auf den Müll?
Lokales Stormarn Ungenormte Zucchini auf den Müll?
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19:13 08.08.2018
Andre Fennert zeigt, wie eine idealtypische Zucchini auszusehen hat, Tochter Janna ein krummes Exemplar, Sohn Klaas die große Variante. Die Achtjährige möchte übrigens trotz der schwierigen Lage Landwirtin werden, ihr Bruder lieber Förster. Quelle: Fotos: Von Dahlen/hfr
Hamberge

„Es bringt inzwischen keinen Spaß mehr und das hat nichts mit dem Wetter zu tun“, sagt Fennert. Betriebe, die auf Milchvieh und Ackerbau spezialisiert seien, hätten eine Lobby, die für ihre Interesse kämpfe, während die Belange von Obst- und Gemüsebauern nahezu unbeleuchtet blieben. Viele Verbraucher wüssten gar nicht, was sich hinter den Kulissen abspiele. Das erlebe er im Gespräch mit Kunden immer wieder.

Andre Fennert ist ein gestandener Unternehmer. Die zu erwartenden Einbußen durch Hitze hakt der Gemüsebauer als Berufsrisiko ab. Was ihn maßlos aufregt sind die Hemmnisse, die ihm Handel und Bürokratie auferlegen. Der „Verpackungswahn“ sei nur ein Beispiel unter vielen.

30 Tonnen Zucchini hat Fennert erst kürzlich aus dem Verkehr ziehen müssen, weil die Feldfrüchte nicht den Normmaßen der Handelskette entsprachen, bei denen er unter Vertrag steht. „Eine ganze Tagesausbeute hätte ich theoretisch auf den Müll werfen können“, berichtet er. Das würde der Landwirt jedoch nie tun. Um das wertvolle Gemüse nicht ganz zu verschwenden, verschenkte er es an Tierhalter in der Umgebung. Fennert: „Der Nachbar freut sich. Seine Pferde sind ganz wild auf Zucchini.“

Allein das Ausleseverfahren an der Laderampe bringt den Gemüsebauern auf die Palme. Liefere er seine Produkte beim Supermarkt aus, so würden stets zwei Musterpaletten aufs Korn genommen. „Der über ein Zeitarbeitsunternehmen hergeholte Warenprüfer schlägt ein Buch auf mit Bildern. Danach entscheidet er, ob die Zucchini gut sind oder nicht. 50 Prozent fliegt aus der Tür“, erzählt Fennert. Und wenn erst eine Fuhre abgelehnt sei, werde man als Lieferant gleich für eine ganze Woche ausgelistet.

Akzeptiert würden nur kleine Früchte zwischen 14 und 21 sowie große von 21 bis 28 Zentimetern. „Sind sie einen halben Zentimeter zu lang, sind sie gleich Abfall. Und das, obwohl wir hier für ein Regionalprogramm produzieren, das ja regionale Bedingungen berücksichtigen könnte“, ärgert sich der Landwirt. Kratzer auf der Schale von Zucchini seien beispielsweise tabu, obgleich sie ein ganz natürliches Phänomen in Schleswig-Holstein darstellten. Die Blessuren entstünden nämlich, wenn die Blätter im Wind über die Außenhaut der Frucht streiften. Der Qualität tue das aber keinen Abbruch.

Als Argument für zurückgewiesene Ware werden nach Schilderungen von Fennert stets die Wünsche der Verbraucher angeführt. Das widerspreche seinen eigenen Erfahrungen. In Gesprächen äußerten Kunden immer wieder, wie egal ihnen die Form des Gemüses sei. Auf seiner Web-Site beklagten die Leute gar, dass es keine großen Zucchini zu kaufen gebe, die sich befüllen ließen. „Warum lässt man den Kunden nicht die freie Entscheidung? Ich bin mir sicher, sie würden zugreifen, wenn sie wissen, dass das Gemüse aus der Region kommt“, sagt der Hamberger.

Ähnlich absurd findet er den „Verpackungswahn“, der seiner Meinung nach in den Supermärkten betrieben werde. Auf der einen Seite beklagten alle, dass die Meere durch Plastik verseucht seien und forderten, den Müll einzudämmen, während in den Geschäften fleißig weiter eingeschweißtes Gemüse vertrieben werde.

„Zu den Vertragsbeziehungen einzelner Handelsunternehmen können wir uns nicht äußern. Aber ich kann nur sagen, warum wir Vermarktungsnormen für vernünftig und sinnvoll halten“, sagt Christian Böttcher vom Bundesverband Deutscher Lebensmittelhändler. Es stimme zudem nicht, dass die Auflagen eine reine Vorgabe des Handels darstellten. Sie seien vielmehr von der EU, beziehungsweise der UNEG (United Nations Evaluation Group) innerhalb der Vereinten Nationen so vorgegeben. Die Standards dieser international besetzten Gruppe seien im Einvernehmen von Gemüsehandel und Bauern entwickelt worden. „Das Ganze ist ja nicht zum Nachteil der Produzenten so konzipiert worden, sondern ermöglicht auch, mehr Geld zu bekommen, wenn sie eine bessere Qualität anbieten“, erklärt Böttcher. Das funktioniere so aber nur, wenn die Ware entsprechend ihrer Form und Größe vorsortiert werde. „Zu sagen, der Handel hat die Marktmacht, ist zu einseitig betrachtet“, sagt Böttcher.

Vielen Verbrauchern scheint diese Begründung jedoch nicht einzuleuchten, weshalb sich bundesweit bereits alternative Vermarktungsplattformen für „krummes Gemüse“ gebildet haben wie etwa „etepetete“

in München oder „Querfeld“ in Berlin. Auch der recht junge Verein der Nordbauern in Schleswig-Holstein will sich unter anderem des Problems der Verschwendung von Nahrungsmitteln annehmen und sucht nach Lösungen, wie das angebliche Makel-Gemüse doch noch an den Verbraucher gelangen kann. „Wir sind ein Zusammenschluss von 44 Klein- und Familienbetrieben und versuchen im Verbund unsere Interessen gegenüber dem Handel stärker durchzusetzen“, erklärt Vereinsvorsitzender Ernst Schuster aus Schwentinental. Auch für Landwirt Fennert lasse sich sicher über den Verein eine Möglichkeit finden, Sonderregelungen mit Handelshäusern zu treffen.

Alternativen

250 Hektar bewirtschaftet Bauer Fennert insgesamt. Bioanbau hat er schon in Erwägung gezogen. Doch passe sein Betrieb nicht ins Konzept, da er nicht so sei wie der Westhof in Friedrichsgabekoog. Der Biolandbetrieb stelle Tiefkühlkost her, für die die Form des Gemüses keine Rolle spiele.

44 Betriebe gehören den sogenannten Nordbauern schon an. Darunter befinden sich sowohl Obst- und Gemüsebauern sowie Fisch-, Fleisch- oder Eierproduzenten. Sie versuchen, ihre Verhandlungsposition gegenüber Zwischenhändlern und Handelsunternehmen durch ein geschlossenes Auftreten zu verbessern. Internet: www.nordbauern.de

Dorothea von Dahlen

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