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Stormarn Viele Trucker fahren am Limit
Lokales Stormarn Viele Trucker fahren am Limit
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19:53 11.08.2017
Wenn sich der Verkehr auf der A 1 staut, steigt automatisch das Risiko von Auffahrunfällen. Sind Lkw involviert, kann es besonders brenzlig werden. Quelle: Fotos: Dorothea Von Dahlen
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Bad Oldesloe

Was ist da los im Cockpit der Trucker, wollten die LN von einem erfahrenen Spediteur in Bad Oldesloe und der Polizei wissen.

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Verschiedene Ursachen für Unfälle – Mehr Verkehr und mehr Baustellen auf Stormarns Straßen.

Gerd Schmechel, mit 72 noch aktiv im Geschäft der Firma, führt zunächst das erhöhte Verkehrsaufkommen als Ursache an. Damit einher gehe die Bildung von Staus und ein erhöhtes Risiko von Auffahrunfällen. Aus Schmechels Perspektive hat der Warenverkehr schon seit 1989/90 mit der Grenzöffnung nach Osten kontinuierlich zugenommen. „Inzwischen sind wir reines Transitland. 70 Prozent der Lkw auf den Autobahnen sind aus dem Ausland. Nicht falsch verstehen – ich bin ein international denkender Mensch. Aber diese Entwicklung hätte man schon damals bei der Verkehrsplanung ahnen können“, sagt der Unternehmer.

Er beklagt zudem, dass zu wenige Lkw-Kontrollen auf viel befahrenen Straßen stattfinden, um technisch bedenkliche Fahrzeuge gleich aus dem Verkehr zu ziehen. „Viele Speditionen arbeiten inzwischen zu Dumpingpreisen, die eigentlich gar nicht machbar wären. Es sei denn man spart am Personal und an der Sicherheit. Das würde ich meinen Leuten nie zumuten“, sagt Schmechel.

Vor vier Jahren begann er damit, seine Flotte auf Fahrzeuge mit Abstandsregeltempomat und einem Notbremssystem umzustellen. 120 von 185 Trucks sind bereits so ausgestattet. Darunter befinden sich auch 70 Volvos, die rechtzeitig ein Tonsignal abgeben, um den Fahrer zu warnen und nach Ausbleiben einer Reaktion von selbst die Notbremsung einleiten.

„Einige schalten die Sicherheitssysteme aber auch aus, weil sie stark unter Zeitdruck stehen und schneller vorankommen wollen“, erklärt Verkehrsleiter Olaf Elies, der die Trucker der Spedition mehrmals im Jahr schult. Nach seinen Erfahrungen können eine ganze Reihe von Faktoren Lkw-Unfälle begünstigen. Fahrlässiges Chatten oder Spielen mit dem Handy während der Fahrt gehörten ebenso dazu wie die Selbstüberschätzung beim Überholen. Für eines könnten die Trucker aber selbst nichts. „Manchmal sind sie einfach übermüdet. Das liegt daran, dass es viel zu wenig Lkw-Parkplätze gibt. Und nach Feierabend fängt dann die große Suche an“, sagt Elies.

Er weist auf einen großen Widerspruch hin. Firmen in den Gewerbegebieten wollten zwar frühmorgens pünktlich ihre Ware haben, aber parken solle dort niemand. Die Gebiete seien abgepollert, es gebe keine Toiletten, keine Dusche, so dass die Fahrer keine Möglichkeit hätten dort auszuruhen. Alles in allem sei die Digitalisierung der Gesellschaft, die unter anderem zu einer Beschleunigung der Warenumsätze führe, Auslöser für das Verkehrschaos auf den Straßen, sagt Schmechel. „Die Elektronik ist besser als unser Hirn. Deshalb wird ja schon autonomes Fahren erprobt. Ich war lange Zeit skeptisch, dass wir das noch erleben werden. Aber jetzt denke ich, es läuft darauf hinaus.“

Aus Sicht der Polizei besteht indes keine besondere Gefährdung, obgleich es in jüngster Zeit häufiger Unfälle in Stormarn gab, an denen Lkw beteiligt waren. „Genaue Aussagen, weshalb es zu den Unfällen gekommen ist, kann ich gar nicht treffen. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen“, sagt Kay-Uwe Güsmer, Verkehrssicherheitsexperte der Polizeidirektion Ratzeburg. Die Unfallentwicklung gehorche ohnehin dem Zufall. Dass in jüngster Zeit mehr Lkw in Unfälle involviert waren, sei deshalb nicht symptomatisch für irgendetwas.

Güsmer räumte ein, dass die Unfallgefahr derzeit allgemein hoch sei aufgrund der vielen Baustellen im Bereich Stormarn und Lübeck. „Überall wird gerade gebaut. Dadurch staut es sich über lange Strecken. Und wenn die Leute dann ausweichen, habe ich auch auf anderen Straßen wie der B 404 viel mehr Verkehr als sonst“, sagt der Polizeihauptkommissar.

 Dorothea von Dahlen

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