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Stormarn Vom Helm bis zur Haube
Lokales Stormarn Vom Helm bis zur Haube
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22:48 17.04.2016
Wolfgang Knaack führt einen klassischen Zylinder vor. Die Dame neben ihm trägt eine Haube. Quelle: Fotos: Bettina Albrod

„Kein Teil unserer Kleidung hat unseren Wortschatz so bereichert wie der Hut“, stellt Klaus Bustorf, Museumsleiter im Stormarnschen Dorfmuseum in Hoisdorf fest.

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Das Stormarnsche Dorfmuseum in Hoisdorf zeigt die Sonderausstellung „Niemals ohne Hut“.

Das modische Teil ist allerdings aus der Mode gekommen; es hat seinen Hut genommen, um im Bild zu bleiben. Folglich könnte man die neueste Sonderausstellung des Museums treffend auch als alter Hut überschreiben, denn die zeigt ab sofort unter dem Titel „Niemals ohne Hut“ eine Sammlung historischer Kopfbedeckungen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Bis in die 60er-Jahre hinein gingen keine Dame und kein Gentleman oben ohne aus dem Haus. „Der Hut ist eine Botschaft“, erklärt Bustorf, „an ihm konnte man die gesellschaftliche Bedeutung erkennen, den Beruf oder die Herkunft.“ Vom Schutz über das Schmücken bis zum Wärmen reichen die Funktionen. Dazu hat ein Hut Signalwirkung: Soldatenhelm, Doktorhut, Kochmütze oder Narrenkappe — jeder weiß

sofort Bescheid. So braucht man nur einen Blick auf die zierlichen Strohhüte im Museum zu werfen, um sich Spitzenhandschuhe und Sonnenschirmchen für die Damen dazu zu denken. Die liegen mit in der Vitrine und waren bis 1915 unerlässliches Accessoire beim Aufenthalt im Freien.

Hüte, erklärt Bustorf, gab es schon in der Antike. „Wenn die Römer einen Sklaven frei gelassen haben, bekam er als Zeichen der Freiheit einen Hut“, erzählt er. In Deutschland kam die Mode des Hutes im Mittelalter auf; so geht die Geste des Hutlüpfens, um zu grüßen, auf das Hochklappen des Visiers am Ritterhelm zurück, um dem Gegenüber sein Gesicht zu zeigen. Über den Hut verrieten sich Reichtum und Standeszugehörigkeit der Träger, und eine Frau war im Mittelalter unter die Haube gebracht, wenn sie mit der Ehe ihr Haar unter selbiger verbarg.

Gleichzeitig war gerade der Damenhut ein wichtiges modisches Kleidungsstück, das mit Federn, Blumen und künstlichen Früchten verziert war oder in den 50er-Jahren mit einem kleinen Schleier raffiniert das Gesicht der Trägerin umspielte. „Das hier ist ein Edwardianischer Promenadenhut von 1911“, zeigt Bustorf auf ein elegantes Gebilde aus schwarzem Samt. Männliches Gegenstück ist der Zylinder, der um 1820 aufkam und heute nur noch vom Schornsteinfeger getragen wird. In einer weiteren Vitrine liegt ein Chapeau Clacque, der mittels Federmechanismus völlig platt gemacht werden konnte. Der klassische Bowler-Hat aus Großbritannien wird auch Melone genannt und thronte auf den Köpfen von Churchill und Charlie Chaplin. Den Adenauer-Hut aus den 50er-Jahren — der Homburg — hat der Politiker bekannt gemacht, und von Helmut Schmidt kennt man die Prinz-Heinrich-Mütze. „Hier zeigen wir eine Schirmmütze wie die von Brakelmann aus Büttenwarder“, deutet Bustorf auf das Teil. „Von ihren eigenen Mützen wollten die Schauspieler sich nicht trennen.“

Eine weitere Vitrine widmet sich den religiösen Kopfbedeckungen. Die Kippa wird von männlichen Juden als Zeichen des Respekts und der Gottesfurcht getragen. Ein vierkantiges Birett römisch-katholischer Geistlicher liegt da, Studentenkappen, wie sie die Burschenschaften hatten, und Polizeimützen oder die Helme von Soldaten und Feuerwehr ergänzen die Ausstellung. „Das hier ist eine Pickelhaube“, zeigt Bustorf den historischen Kopfputz, der als typisch preußisch gilt. „Tatsächlich ist die Pickelhaube eine russische Entwicklung“, berichtet Bustorf. „Friedrich Wilhelm IV.

soll sie 1842 bei einem Besuch beim russischen Zaren als Prototyp auf dessen Schreibtisch gesehen haben. Zuhause ließ er sie sofort als neuen Helm einführen.“ Die Spitze auf dem Helm sei dazu da, Säbelhiebe abzuleiten.

„Der Hut ist von der Geschichte her außerordentlich vielfältig“, so Bustorf. Heute sind von der langen Tradition nur Baseball-Kappe und Wollmütze übrig geblieben, alles andere gilt als extravagant.

Der Schützenverein Oldesloe hat einen federverzierten Zweispitz beigesteuert. Für die abwechslungsreiche Ausstellung haben auch andere Museen ihren Hut in den Ring geworfen. So sind Hutmachermodelle aus dem Bargteheider Museum dabei, Leihgaben aus dem Schifffahrtsmuseum in Kiel und dem Polizeimuseum Hamburg sowie private Leihgaben. „Aus Erfahrung wissen wir, dass uns im Laufe der Ausstellung viele Leute noch weitere Hüte bringen“, so Bustorf. Hut ab vor so viel Engagement.

Besucher können auch mit Hut kommen

Die Ausstellung „Niemals ohne Hut“ wird bis zum 11. Juni gezeigt. Das Stormarnsches Dorfmuseum befindet sich in einem alten Reetdachhaus am Sprenger Weg 1 in Hoisdorf. Der Eintritt ist frei, Spenden werden gerne gesehen und die Besucher der Ausstellung dürfen gerne „gut behütet“ kommen.

Geöffnet ist das Museum dienstags von 9 bis 12 Uhr und am Sonnabend von 14 bis 17 Uhr.

• www.museum-hoisdorf.de

Von Bettina Albrod

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