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Stormarn Vom Klosterdorf zum beliebten Wohnort
Lokales Stormarn Vom Klosterdorf zum beliebten Wohnort
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10:58 25.07.2016
Bürgermeister Wolf-Friedrich Schöning mit seiner Maschine.

Die meisten Orte machen die Entwicklung vom Dorf zur Stadt durch. In Zarpen war es umgekehrt: 1265 erhielt die Gemeinde das Lübische Recht, das gewisse Privilegien beinhaltete, 1473 nahm der dänische König Christian I. es Zarpen aber schon wieder weg. „Eine Stadt ist Zarpen nie gewesen“, erklärt Jürgen Ehlers, der 1967 bis 1990 die Dörfergemeinschaftsschule Zarpen geleitet hat und seit zehn Jahren an einer Chronik für den 1450-Einwohner-Ort schreibt. „In den alten Urkunden taucht Zarpen als das slawische Cerben auf und ist genauso ein Bauerndorf wie die Nachbarorte auch.“

Hotel, Arzt, Handwerksbetriebe, Sportverein, Kirche: Zarpen hat eine intakte Infrastruktur.

Das nahe Zisterzienser-Kloster Reinfeld hatte dazu geführt, dass Zarpen als Zentralort in den Ländereien des Klosters galt und eine gewisse Bedeutung erlangte. Zwölf Mönche und ein Abt hatten 1190 mit dem Bau des Klosters begonnen, das sie mit Axt und Hacke den umliegenden Wäldern abtrotzten. Weil die Bewohner der umliegenden Dörfer die Klosterkirche nicht benutzen durften, so Ehlers, wurde 1221 nach Genehmigung durch den Lübecker Bischof in Zarpen eine Kirche für die geistliche Betreuung der 16 umliegenden Dörfer gebaut. Das frühgotische Gebäude steht unter Denkmalschutz und gehört zu den ältesten Bauwerken in Stormarn.

Die Kirche liegt auf der 45 Kilometer langen „Karpfentour“, und unter dem Motto „Geschichte und Natur erleben – Seele stärken“ kann man von Kirche zu Kirche radeln und in Zarpen die Kirche besuchen, die für Besucher auch in der Woche geöffnet ist. Im Turm hängen drei Glocken, von denen die älteste aus dem Jahr 1464 stammt und noch das Kloster erlebt hat, das 1552 aufgelöst wurde. Aus den Steinen, so Ehlers, hat sich 1606 der Herzog von Plön ein Schloss gebaut. Glocke Nummer zwei von 1744 ist ein Kriegsheimkehrer: Die Glocke, die im zweiten Weltkrieg eingeschmolzen werden sollte, wurde nach dem Krieg auf dem Hamburger Glockenfriedhof wiedergefunden und nach Zarpen zurück gebracht. Glocke Nummer drei stammt aus dem Jahr 1959 und ist damit das Küken im Geläut. Diesen Titel teilt sie sich mit den jungen Turmfalken, die regelmäßig im Kirchturm schlüpfen, was den Zarpenern 2012 eine Auszeichnung des Nabu eingebracht hat.

„Die Kirche hat im Rahmen von ,Kirche aktiv’ mal ein Laufevent initiiert, das gut angenommen wurde“, erinnert sich Ehlers. „Damals begannen auch die Motorrad-Gottesdienste, und die Pastorin fuhr auf dem Sozius mit.“ Der Bikergottesdienst hat sich gehalten, denn in Zarpen gibt es mit den „Motorradfreunden“ einen lockeren Verbund von Fans schwerer Maschinen, die sich regelmäßig zu Ausfahrten treffen. Dann darf Bürgermeister Wolf-Friedrich Schöning mit seiner „Aprilia“ nicht fehlen. „Wir haben ein sehr lebendiges Gemeindeleben“, erklärt Schöning, der in dritter Generation den Familienbetrieb in Zarpen führt und auch Hoteldirektor im Ort ist. „Zarpen verfügt über eine gute Infrastruktur. Es gibt kleine Handwerksbetriebe, ein Hotel, einen Arzt und einen Zahnarzt, einen Bäcker, eine Grundschule, eine Ziegenkäserei und sehr aktive Vereine.“

Der Sportverein hat zwei Turnhallen und eine Damenfußballmannschaft vorzuweisen, Reit- und Fahrverein sowie die Zarpener Plattenspeeler, ein Imker- und ein Bürgerverein sind im Ort zu Hause, und es findet regelmäßig das Vogelschießen statt. Es gibt Kitas, Einkaufsmöglichkeiten und eine engagierte Freiwillige Feuerwehr. Bis heute existieren noch fünf landwirtschaftliche Betriebe in Zarpen. „Eine Gruppe von Naturfreunden trifft sich regelmäßig, um den Kröten bei der Wanderung zu helfen und um im Sommer die Herkulesstaude auszureißen, die gefährlich ist“, sagt Ehlers. „Außerdem hatten wir schon früh einen sehr engagierten Kreis von Helfern für die Flüchtlinge, die Sprachunterricht, Betreuung und Fahrradwerkstatt anbieten.“ Dadurch seien die neuen Dorfbewohner gut integriert.

Andere müssen dagegen draußen bleiben. „Eigentlich wollten wir ein Neubaugebiet in Zarpen ausweisen“, erklärt der Bürgermeister, „aber da hat uns die Landesplanung einen Strich durch die Rechnung gemacht, das passt nicht zum Regionalplan.“ Das Baugebiet wurde mittlerweile auf 40 Wohneinheiten eingeschränkt. „Die Pläne ruhen zurzeit.“

Ruhen kann man in Zarpen gut, zu dem seit 1975 auch die knapp 80 Einwohner von Dahmsdorf gehören. „Zu den Vorzügen Zarpens gehört die Landschaft“, findet Jürgen Ehlers. Drei Wallberge, so genannte Oser aus Gletscherablagerungen, die für Geologen eine Sensation sind, und die Heilsau sorgten für eine Geographie, die die Anlage von Teichen begünstigte. Die Reinfelder Mönche hatten es vorgemacht, und auch in Zarpen gab es bis 1900 zahlreiche Teichanlagen für die Fischzucht.

In den 1990er-Jahren besann man sich auf die historische Landschaft, und heute sind im Rahmen einer Flurbereinigung Struckteich, Henkenteich und Bahrenteich wieder hergestellt. Das führte dazu, dass mittlerweile viele Vogel- und Tierarten die Landschaft als Brutgebiet angenommen haben. Gleichzeitig blickt man in die Zukunft: Es gibt eine schnelle Internetverbindung, und gerade haben sich die Elektromobilisten in Zarpen getroffen. Hier steht vor dem „Eckkrug“ eine Stromzapfsäule, die Bürgermeister Schöning hat aufstellen lassen, und ein Blockheizkraftwerk im Ort sorgt für saubere Energie beim Feuerwehrgerätehaus.

Nächste Folge: Badendorf

Sogar Ärzte schickten ihre Patienten zum Zarpener Heiler

Zarpen besaß wie viele kleine Dörfer auch immer wieder Heiler, zu denen die Menschen gingen, wenn sie Warzen hatten oder eine Rose-Erkrankung. Einen von ihnen hat Jürgen Ehlers noch persönlich gekannt. „Er hatte die Gabe aus seiner Familie“, erzählt er. „Er hat mir einmal gesagt, dass er gar nicht wisse, wieso er Heilerfunktion habe, er würde nichts Besonderes machen.“ Die Menschen kamen zu ihm, er hörte zu, und wenige Wochen später waren ihre Leiden verschwunden. Geld habe der Mann nie genommen, betont Ehlers. „Ab und zu haben die Patienten ihm was vor die Tür gestellt.“ Einmal habe er ein junges Mädchen von seinen Leiden befreit, das von Warzen entstellt war. „Die waren dann einfach weg. Es gab auch Ärzte, die ihre Patienten zum Heiler geschickt haben.“ ba

Der Scharfrichter unter der Kanzel

„Es gibt einen alten Sitzplan von 1840, auf dem festgehalten ist, wer in der Zarpener Kirche wo gesessen hat“, erzählt Jürgen Ehlers. Neben den Familienbänken waren auch die Sitzplätze bestimmter Berufsvertreter aufgezeichnet. „Demnach gab es einen Scharfrichter in Zarpen, der vorne in einer Nische seinen Platz hatte. Der Totengräber saß unter der Kanzel.“

Allerdings habe der Scharfrichter wahrscheinlich keine Köpfe abgeschlagen, denn die Gerichtsbarkeit befand sich in Lübeck. „Er hatte aber das Privileg, bei Tierseuchen die Kadaver nutzen zu dürfen.“

Denen zog er die Felle ab und hatte dadurch Leder, das er gewinnbringend verkaufen durfte. „Außerdem war der Scharfrichter früher auch derjenige, der Amputationen durchgeführt hat.“

ba

Bettina Albrod

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