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Stormarn Vom Leben im „Durchgangsdorf“
Lokales Stormarn Vom Leben im „Durchgangsdorf“
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20:17 04.08.2015

Wie viele Fahrzeuge tagtäglich durch Dahmsdorf rauschen, darauf achtet im Ort schon lange keiner mehr. „Dahmsdorf war schon immer Durchgangsdorf für den Verkehr von Lübeck nach Hamburg“, erinnert sich Landwirt Uwe Herbst. „Die Straße liegt höher als die heutige B 75, die früher durch die Nähe zur Trave gerne mal überflutet war, so dass man dann den Weg durchs Dorf nahm.“

Der 83-Jährige ist ein Dahmsdorfer Urgestein. Er ist auf dem Hof Herbst, den schon sein Großvater bewirtschaftete, geboren und aufgewachsen. Lange hat er den Betrieb mit seiner Frau Elisabeth (80) geführt, bevor das Ehepaar 1996 aufs Altenteil wechselte und Sohn Rüdiger die Landwirtschaft übernahm. „Wissen Sie eigentlich, dass Dahmsdorf 1885 mal abgebrannt ist“, fragt der rüstige Senior.

Damals habe ein Mädchen Zoff mit einem Bauern gehabt und kurzerhand gezündelt.

Von den elf Höfen im Dorf, in dem damals 100 Menschen lebten, blieb nicht viel übrig. „Vier Bauern taten sich zusammen, und die Herbsts bauten so etwas wie einen Gutsbetrieb auf“, erzählt Uwe Herbst. „Damals arbeiteten alle aus dem Dorf in dem Betrieb. So entstand eine sehr gute Dorfgemeinschaft.“ Über die Jahrzehnte aber änderte sich das ländliche Leben. Die Landwirtschaft spezialisierte sich, Höfe verschwanden, andere wurden größer, hatten gleichzeitig aber immer weniger Mitarbeiter. „1954 hatte ich 135 Hektar und 16 Mitarbeiter. Mein Sohn hat heute 350 Hektar mit zwei Mitarbeitern und Partnern“, sagt Uwe Herbst. Dahmsdorf bekam neue Einwohner, Häuser wurden gebaut, die Städter hielten Einzug. „Und dann war es mit der Dorfgemeinschaft plötzlich nicht mehr so wie früher“, sagt Elisabeth Herbst, die 1958 ihren Mann Uwe heiratete und aus dem Rheinland in den Norden kam. „Heute leben wir alle nebeneinander her.“ Dorf- oder Kinderfeste gebe es keine mehr. „Es hat vor Jahren noch einmal jemand versucht, aber dabei ist es geblieben.“ Zum Feiern fahre man nach Zarpen, Reinfeld oder Badendorf.

Familie Herbst als größter Arbeitgeber stellte stets den Bürgermeister oder seinen Stellvertreter im Ort, denn bis Ende 1974 war Dahmsdorf eine eigenständige, kleine Gemeinde. Erst am 1. Januar 1975 wurde das Dorf mit damals 79 Einwohnern nach Zarpen eingemeindet. „Das war unsere größte Errungenschaft“, sagt Uwe Herbst, der als stellvertretender Bürgermeister einst den Weg nach Zarpen mit ebnete. Auch Badendorf und Lübeck wären eine Option gewesen. „Lübeck kam für uns aber überhaupt nicht in Frage. Die hatten früher schon kein Geld.“

Heute gibt es in Dahmsdorf 50 Haushalte und etwa 150 Einwohner. Es gibt die „Neuen“, die am Ortsausgang Richtung Badendorf in schicken Einfamilienhäusern leben. Und die „Alten“ rund um die Höfe von Herbst auf der anderen Seite Richtung Zarpen. Ulf Würdemann zählt eher zu den „Neuen“, obwohl er im alten Dorfteil lebt. Er kam der Liebe wegen aus Kiel nach Dahmsdorf. Seit viereinhalb Jahren wohnt er mit seiner Frau Angelika (45) am Dorfteich, der in seinen Augen schon lange nicht mehr als solcher zu erkennen ist. „Er ist ganz zugewachsen. Da könnte die Gemeinde sich ein wenig mehr zuständig fühlen“, sagt der 42-Jährige. Ebenso für den Kinderspielplatz neben seinem Haus. „Der wird überhaupt nicht genutzt. So wie er aussieht, aber auch kein Wunder“, sagt Würdemann.

Swen Peters wohnt mit seiner Familie in der alten Post, in der schon seine Mutter Heidemarie (72) als Briefträgerin arbeitete, bevor die Poststelle nach Zarpen verlegt wurde. 46 Jahre ist er alt, 42 davon hat er in Dahmsdorf verbracht. „Wir fühlen uns hier wohl, auch wenn Dahmsdorf ein Durchgangsdorf ist“, sagt Peters.

Im Hinterhof betreibt der Vorsitzende des MSC Bad Schwartau im ADAC eine Schrauberwerkstatt. Ein Schild „Ole‘s Garage“ am Straßenrand weist den Weg. Den Verkehr vor seinem Haus registriert Peters gar nicht mehr. „Wenn Stau auf der Autobahn ist, geht es hier rund.“ Nur selten in der Geschichte war Dahmsdorf kein Durchgangsdorf — zuletzt 2012 beim Ausbau der K 78. Monatelang war von der Kreuzung Kreuzpfahl bis zum Ortseingang kein Durchkommen. „Das war ein Ruhe“, erinnert sich Peters. „Das hätte so bleiben können.“

Verena Bosslet

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