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Stormarn Vom Sparschwein zum Glücksschwein
Lokales Stormarn Vom Sparschwein zum Glücksschwein
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19:49 16.06.2016
Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, weiß, wie man Schweine glücklich macht. Quelle: Bettina Albrod

Wenn Schweine sterben, kommen sie nicht in den Himmel, sondern auf den Teller. Wenn es nach dem Willen des Verbrauchers geht, sollen sie vorher zumindest den Himmel auf Erden erlebt haben. Deshalb hat der Lebensmitteleinzelhandel gemeinsam mit Landwirten und Tierschützern ein Programm auf die Beine gestellt, das zu mehr Glück im Schweinestall führen soll.

Die „Initiative Tierwohl“ wird jetzt mit dem Forschungsprojekt „FeelGood“ von der Universität Kiel begleitet. Das dreijährige Forschungsvorhaben, von der Bundesregierung mit 215 000 Euro gefördert, hat zum Ziel, das Glück des Borstenviehs messbar zu machen.

„Erdacht hat die Initiative Tierwohl der Nachhaltigkeitsbeauftragte von Rewe zusammen mit der Organisation ’Provieh’ aus Kiel“, erläutert Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes und in Stormarn Herr über 4500 Zucht-Schweine. Hintergrund sei eine Verabredung der Wirtschaft, die Forderungen der Gesellschaft nach besserer Tierhaltung umzusetzen. „Die großen Lebensmittelketten zahlen pro Kilo verkauftes Schweinefleisch vier Cent in einen Topf ein“, erläutert Schwarz das Verfahren. „Landwirte, die ihre Tierhaltung nach einem Kriterienkatalog umstellen, bekommen dann je nach Zahl der erfüllten Kriterien zwischen fünf und zwölf Euro pro verkauftes Tier.“

Beginn war vor einem Jahr, das Echo auf den Aufruf war überwältigend: „Es waren bundesweit ad hoc 5000 Landwirte dabei“, so Schwarz. Da das Geld nur für 2800 reicht, gibt es nun eine Warteliste. Das zeige, so Schwarz, dass auch die Landwirte sich eine Tierhaltung wünschen, die über die ohnehin hohen Anforderungen hinaus ein zusätzliches Wohl für das Tier bringt. „Die Verbesserung der Haltungsbedingungen gehen über die EU-Standards und das deutsche Recht hinaus und der Mehraufwand wird den Kosten entsprechend vergütet.“

Die Landwirte sind also glücklich, wie macht man nun die Schweine froh? „Die Grundkriterien sind Licht, Lüftungskontrolle und Qualitätssicherung“, erklärt Schwarz, wann ein Schwein anfängt, sich sauwohl zu fühlen. An erster Stelle steht mehr Platz. „Zehn Prozent, 20 Prozent oder 40 Prozent mehr Platz pro Schwein werden unterschiedlich honoriert“, so Schwarz. Ein zweites Kriterium ist das Raufutter. „Schweine bekommen normalerweise hochkonzentriertes Getreide als Flüssignahrung“, so Schwarz. „Beim Raufutter wie Heu oder Silage wird der Kautrieb befriedigt, der den Speichelfluss anregt, zu einer anderen Verdauung führt und für ein zusätzliches Sättigungsgefühl sorgt, das sonst ausbleibt.“

Wühlplätze mit Torf und zusätzlich Spielzeug sorgen für noch mehr Glück im Schweinestall. „Schweine haben ein Beschäftigungsbedürfnis“, so der Landwirt, „sie brauchen unterschiedliche Spielzeuge, damit der Reiz nicht eintönig wird.“ Die Tiere reagierten nicht auf Formen, sondern auf den Bissreiz und die Formbarkeit des Materials. Deshalb haben glückliche Schweine eine Art Kauknochen aus Kunststoff zum Spielen, große Bälle oder Baumwollseile, auf denen sie herumkauen und an denen sie zerren können, natürlich schadstofffrei. „Solche Sachen sind sehr interessant für die Tiere.“ Seine Tiere haben Schwein gehabt, weil sie als Zuchttiere ohnehin unter anderen Bedingungen gehalten werden als Schlachtschweine. So hat Schwarz eine Schweinedusche im Stall, mit der die Sauen vor dem Abferkeln von Schmutz und Keimen befreit werden.

Macht sie das glücklich? „Das Gebiet der Emotionen beim Tier ist noch wenig erforscht“, weiß Schwarz. Mit dem Forschungsauftrag der Uni Kiel soll sich das ändern. Ein Siegel für Glücksschweine wird es allerdings nicht geben. „Die Erfahrung zeigt, dass ein Siegel bisher immer an der Akzeptanz der Kunden gescheitert ist. Auch wollen wir keinen geteilten Markt, in dem es einen Zugriff auf Fleisch mit oder ohne zusätzliches Tierwohl geht. Zehn bis 15 Prozent der Landwirte machen bisher bei der Initiative Tierwohl mit, unser Ziel sind hundert Prozent.“ Angelegt ist die Initiative zunächst bis 2018. „Das ist ein gutes Angebot, mit den Bürgern in den Austausch zu kommen.“ Wenn der Verbraucher dann künftig „Himmel und Erde“ mit Schweinefleisch isst, hat er auch ein bisschen Himmel mit auf dem Teller.

„Feel Good“: Wissenschaftler erforschen tierische Gefühle

„Beim Projekt ,Feel Good’ geht es um die Emotionalität von Tieren“, erklärt Irena Czycholl vom Institut für Tierzucht und Tierhaltung der Universität Kiel. „Ziel ist es, Tierwohl objektiv messbar zu machen.“

Die Wissenschaftler haben dabei physiologische Aspekte der Tiere ebenso wie die ethologische Komponente im Blick. „Körperliche Aspekte lassen sich gut messen“, so die Wissenschaftlerin. Auch Verhaltensbeobachtung bringe Erkenntnisse: Schweine seien Allesfresser, hätten deshalb einen starken Wühltrieb und verbrächten viel Zeit mit der Nahrungssuche. Darauf könne man ebenso gut eingehen wie auf die soziale Komponente als Gruppentier.

„Das Projekt beschäftigt sich mit der dritten Komponente, dem Gemütszustand“, sagt Irena Czycholl. „Hier geht es um die Frage, wie man Emotionen erfassen kann.“ Es sei bekannt, dass Tiere Basisemotionen wie Angst, Wut, Ekel, Freude und Trauer kennen.

Im Projekt soll ab 15. Juli erforscht werden, wie es mit komplexeren Emotionen wie Interesse, Aufmerksamkeit oder Langeweile aussieht. Dafür sollen Verfahren aus der Psychologie benutzt werden.

„Angst wird durch Konfrontationsverfahren messbar. Spieltrieb entsteht nur, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind.“ Bei Mensch und Nagetier sei nachgewiesen, dass eine bestimmte Zellart im Gehirn bei negativen Informationen abnehme, parallel sollen die Strukturen im Schweinehirn nach der Schlachtung untersucht werden. „Wir erhoffen uns davon Rückschlüsse auf die Struktur der Emotionalität des Schweins.“ ba

Lebensmitteleinzelhandel finanziert die Initiative Tierwohl

Die Verbesserung des Tierwohls ist eine komplexe, gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, heißt es auf der Website der Initiative Tierwohl. Sie könne nur gelingen, wenn alle Partner in der Wertschöpfungskette Landwirtschaft, Fleischwirtschaft, der Lebensmitteleinzelhandel und letztlich auch der Verbraucher gemeinsam konkrete Veränderungen in Gang setzen. Finanziert wird die Initiative Tierwohl vom teilnehmenden Lebensmitteleinzelhandel. In Schleswig- Holstein sind beteiligt in der Schweinemast: 86 Betriebe, in der Sauenhaltung: 43, in der Ferkelhaltung: 20, in der Schweinemast: 8.

In der Ferkelaufzucht ist kein Betrieb beteiligt.

• Internet: initiative-tierwohl.de

 Bettina Albrod

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