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Von Damaskus nach Bad Oldesloe

Bad Oldesloe Von Damaskus nach Bad Oldesloe

Eine Odyssee hat die Familie Mushailem erlebt, ehe sie nach Stormarn kam. Der Vater musste seine Firma verlassen, der Sohn sollte zum Militär eingezogen werden. Nun stehen sie auf eigenen Beinen. Vor wenigen Wochen haben sie in der Brunnenstraße in Bad Oldesloe den syrischen Lebensmittelladen „Damaskus Tor“ eröffnet.

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Glücklich: Familie Mushailem vor ihrem Geschäft in der Oldesloer Brunnenstraße.

Quelle: Fotos: Britta Matzen

Bad Oldesloe. Zwei Jahre ist es her, dass Familie Mushailem in der Erstaufnahme Neumünster ankam. Vater, Mutter, drei Brüder, zwei Schwestern, eine Schwiegertochter, drei Enkelkinder – elf Personen waren sie insgesamt. Kein warmer Ort des Willkommens – Klappbetten wurden notdürftig in Aufenthaltsräumen aufgestellt, um des großen Andrangs der Asylsuchenden Herr zu werden. „15 Tage waren wir in Neumünster. Danach ging es nach Bargteheide, von dort nach Bargfeld-Stegen“, sagt Obaida.

Hätte er sich träumen lassen, dass seine Familie zwei Jahre später in der neuen Heimat ein eigenes Geschäft betreibt? „Wir haben immer gearbeitet. Nur herumsitzen und nichts tun – das ist nichts für uns“, erzählt der 22-jährige Syrer in perfektem Deutsch. Vor wenigen Wochen hat Familie Mushailem in der Brunnenstraße in Bad Oldesloe einen syrischen Lebensmittelladen eröffnet: „Damaskus Tor“.

LN-Bild

Eine Odyssee hat die Familie Mushailem erlebt, ehe sie nach Stormarn kam. Der Vater musste seine Firma verlassen, der Sohn sollte zum Militär eingezogen werden. Nun stehen sie mit ihrem Geschäft wieder auf eigenen Beinen.

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„Wir haben immer gearbeitet. Nur herumsitzen und nichts tun, das ist nichts für uns.“ Obaida Mushailem

Arabisches Brot, Datteln, Halva, Hummus, syrischer Kaffee, Gewürze aus 1001 Nacht, Mate-Tee, Süßigkeiten mit Sesam und Pistazien – für jeden ist etwas dabei. „Wir haben auch frisches Gemüse aus Syrien und Jordanien“, sagt Obaida und zeigt auf eine Auslage vor dem Geschäft mit kleinen Auberginen, wilden Gurken, frischem Koriander, knackigem Portulak und Mini-Zucchini. „Unsere Kunden kommen aus Syrien, Iran, Irak, Afghanistan und dem Libanon. Die freuen sich, wenn sie das syrische Gemüse sehen, das sie sonst nirgendwo bekommen“, so der junge Geschäftsmann. Speziell die kleinen Auberginen und Zucchini seien beliebt in der raffinierten Küche des Vorderen Orients. „Die füllen wir mit Nüssen und scharfen Paprika und legen sie in Olivenöl ein.“ Aber auch deutsche Kunden finden den Weg zum „Damaskus Tor“. „Denen empfehle ich gerne Zatar – eine Gewürzmischung, die bei uns immer auf dem Tisch steht. Entweder Brot in Olivenöl tauchen und dann in Zatar. Oder Zatar mit Olivenöl anrühren, auf Brot streichen und in den Backofen geben. Die Oldesloer finden das richtig lecker“, freut sich Obaida. Rezeptvorschläge aus der syrischen Küche hat Familie Mushailem zu jeder Zutat parat.

Doch nicht nur Lebensmittel sind im „Damaskus Tor“ erhältlich – auch Wasserpfeifen mit Melonen- oder Pfefferminztabak, Kaffeekannen, Teekessel oder syrische Grillgeräte mit langen Spießen. „Mein Vater hatte in Damaskus eine Aluminium-Fabrik, dort haben wir Küchengeräte und Accessoires hergestellt.“ Doch dann begann in der Millionenmetropole Damaskus der Krieg. „Ich war 18 und sollte zum Militär eingezogen werden. Aber keiner wusste, wer gegen wen kämpft.“ Also flüchteten die drei Brüder über Beirut und Ägypten nach Libyen. Als sie sich dort eingelebt hatten, holten sie auch die Familie nach. „In Libyen habe ich zunächst als Koch gearbeitet, mein Bruder in einer Cafeteria eines Kinderkrankenhauses.“ Als die Familie nachkam, haben sie angefangen, Süßigkeiten zu backen und zu verkaufen. „Die Libyer liebten unsere Speisen.“ Doch dann begann auch dort der Krieg – und es wurde gefährlich. „Die Leute haben uns geraten, nach Tunesien oder Europa zu fliehen, bevor die Grenzen geschlossen werden.“

Zunächst versuchte es die Familie in Ägypten. Das sei schwierig gewesen wegen fehlender Visa. „Dann haben wir einen Weg gefunden, nach Europa zu reisen.“ Mit einem 27 Quadratmeter-Boot wagten sie sich aufs Mittelmeer. 1000 Kilometer vor der italienischen Küste wurden sie gerettet. „Ein Freund meines Vaters war schon in Deutschland. Er hat uns empfohlen, auch zu kommen. Das Leben sei gut in Deutschland, ein bisschen wie in Syrien, sagte er.“ Also machte Familie Mushailem sich wieder auf den Weg – diesmal gen Norden.

„Für uns war klar, dass wir uns wieder selbstständig machen wollen. Wir waren immer frei“, sagt Obaida. Doch ankommen und ein Geschäft eröffnen – so funktioniert es nicht in Deutschland. Das musste auch die syrische Familie schnell erfahren. „Wir hatten aber Glück. Unsere Sprachpartnerin in Bargfeld-Stegen hat uns sehr geholfen.“ Ob beim Deutschlernen, beim Ausfüllen der vielen Anträge, bei der Bank, beim Finanzamt – ohne die Sprachpartnerin hätte die syrische Familie ihren Traum nicht so schnell erfüllen können. Fehlte noch der Laden und das Geld. „Mein Onkel hat uns finanziell geholfen.

Und das Geschäft haben wir von einer Schneiderin übernommen, die auch aus Syrien kam, aber schon 25 Jahre in Deutschland lebt.“ Eine glückliche Fügung.

Familie Mushailem setzt alles daran, um in Stormarn richtig Fuß fassen zu können. „Wir haben in Bargteheide jetzt auch ein Reihenhaus zur Miete gefunden. Das ist fantastisch“, sagt Obaida freudestrahlend. Der älteste der Brüder habe mit seiner Familie eine Wohnung in Reinfeld bezogen. Das Einleben klappt ganz gut. Vor wenigen Tagen ist sogar die Großmutter aus Syrien zu Besuch gekommen. „Sie ist über Beirut hergeflogen und darf zwei Monate bleiben.“ Eltern, Geschwister, Neffen, Nichten – alle seien ganz glücklich, sie nach langer Zeit mal wieder in die Arme zu schließen.

Der 22-jährige Obaida hat sich für die nächste Zeit viel vorgenommen. „Ich möchte den Deutschkurs B2 machen – B1 habe ich schon bestanden.“ Sein Traumziel: eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann. Mit Glück bekommt er demnächst einen Praktikumsplatz – in einem großen Stormarner Unternehmen.

Aktuelle Lage

Der Syrien-Krieg hat mehr als 250000 Menschenleben gefordert und die Hälfte der Bevölkerung (ca. 24 Mio.) zu Flüchtlingen gemacht. Die gemäßigte Opposition wurde zwischen syrischem Regime und IS fast aufgerieben. Die russische Intervention stärkt das Regime, bringt aber auch Bewegung in die Verhandlungen. Der selbst erklärte Islamische Staat wird zurzeit an zwei Hauptfronten im Irak und an zweien in Syrien bekämpft. Diplomatische Bemühungen haben bisher keinen durchgreifenden Erfolg gebracht. Quelle: Bundeszentrale für pol. Bildung

 Britta Matzen

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