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Von Trittau nach Tschernobyl

Trittau Von Trittau nach Tschernobyl

Sebastian Klaffka reiste in die Sperrzone. Der 24 Jahre alte Trittauer erinnert mit Fotos an das Leid der Menschen.

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Die Arbeiterstadt Prypjat ist eine Geisterstadt. Sie liegt fünf Kilometer vom havarierten Atomkraftwerk in Tschernobyl entfernt. Sebastian Klaffka hat mit seiner Kamera den Leninplatz eingefangen. Im Keller eines Krankenhauses entdeckte der Hobby-Fotograf stark verstrahlte Feuerwehrkleidung. Der Geigerzähler (Foto oben) zeigt den Strahlungswert 951,7 Millisievert an. Fotos (5): Sebastian Klaffka/hfr/kks

Trittau. Warum gerade Tschernobyl, warum nicht Mallorca oder ein Tripp auf einem Kreuzfahrer? Weil Mainstream nicht die Sache von Sebastian Klaffka ist. Der Trittauer, der 24 Jahre jung ist und seine Brötchen als Verwaltungsangestellter verdient, braucht andere Orte. Er braucht ungewöhnliche Orte. Orte, die verlassen sind. Orte, die ganz besondere Geschichten erzählen. Diese Geschichten fängt er mit der Kamera ein — wie in Tschernobyl, dem Ort der von Menschenhand gemachten Reaktorkatastrophe vor 30 Jahren.

LN-Bild

Sebastian Klaffka reiste in die Sperrzone — Mit Fotos erinnert er an das Leid der Menschen.

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Im Oktober vergangenen Jahres war er eine Woche in der Sperrzone, dieses Jahr muss er wieder hin, er kann nicht anders, das Sperrgebiet lässt ihn nicht los. „Ich bin noch nicht fertig mit Tschernobyl. Es gibt dort noch so viele Plätze, die ich entdecken möchte. Mit den Bildern aus dem Zentrum der Sperrzone will ich das Erinnern an das Leid der Menschen aufrechterhalten. Ich möchte das Vergessen aufhalten und verstehen, welche Verantwortung für die Zukunft allein in unseren Händen liegt“, erklärt Klaffka. Es sind die Worte eines Mannes, der noch gar nicht geboren war, als es zur Reaktorkatastrophe am 26. April 1986 kam.

„Mich hat das aber seit meinem 18. Lebensjahr fasziniert.“Auch deshalb, weil er bereits mit 16 Jahren angefangen hat, Gebäude zu fotografieren, die keine Funktion mehr haben. Alte Schlösser oder Herrenhäuser, verlassene Gebäude, dem Verfall preisgegeben. Gebäude mit Geschichte, in denen Menschen gelebt, geliebt, gelacht und geweint haben. So wie in der Sperrzone von Tschernobyl. Hier hängen in den hastig evakuierten Wohnungen und Häusern noch die Bilder an der Wand. Im Kinderheim liegen Puppen, Schulbücher stapeln sich auf Pulten. Im Theatersaal von Prypjat, der Arbeiterstadt, die nur fünf Kilometer vom Kraftwerk entfernt liegt, steht ein Flügel auf der Bühne. Gerade so, als würde gleich ein Konzert beginnen. Aber hier erklingt kein Ton mehr, der Wind stimmt sein Lied zwischen den zerfallenden Mauern an. Genau diese Momente hat Klaffka eingefangen — 3000 Mal.

Nur 110 Kilometer von Kiew ist der Checkpoint „Dytjaky“entfernt, über den der Trittauer mit einer kleinen Reisegruppe in eines der gefährlichsten Gebiete dieser Welt vordringt. „Die Zone gilt seit dem Unglück als das am stärksten kontaminierte Gebiet“, erklärt Klaffka, der nicht glaubt, das er gesundheitlich Schaden genommen hat. Der Trittauer hatte seinen eigenen Geigerzähler mit und damit immer wieder die Umgebung kontrolliert. Einen extrem hohen Strahlungswert konnte er im Keller des Krankenhauses von Prypjat ablesen: 951,7 Millisievert. Hier liegt noch immer die Einsatzkleidung der Feuerwehrleute, die sie bei der Katstrophe getragen haben. Das tückische sei natürlich, so Klaffka, das man die Strahlung nicht sieht. „Man merkt sie nicht, man vergisst die Gefahr einfach“, erzählt der Hobby-Fotograf. Auch am Reaktor. „Dabei spürt man, dass man an einem Ort ist, der ein Wendepunkt für unsere Geschichte war und immer noch ist. Man denkt an all die Opfer und an all das Leid.“

Die Gefahr für Leib und Leben, die noch immer von dem Reaktor ausgeht, blenden die knapp 100 Frauen und Männer aus, die in dem verseuchten Gebiet leben. Genau wie in dem Buch „Baba Dunjas letzte Liebe“ von der russischen Schriftstellerin Alina Bronsky. „Das ist eigentlich verboten, aber die Menschen werden geduldet.“ Ein Ehepaar hat Klaffka auf seiner Fotopirsch getroffen. „Sie sind nach der Katastrophe in ihr altes Zuhause zurückgekehrt.“ Eine Existenz ohne Strom, ohne fließend Wasser. Sie leben von dem, was ihr verstrahlter Garten hergibt. Klaffka kann es nicht weiter in Worte fassen.

Das Ehepaar hat ihn nachhaltig beeindruckt.

Im Oktober bricht er wieder auf nach Tschernobyl und Prypjat, in die verlassenen Orte, die stillen Zeugen einer Katastrophe.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Die Katastrophe von Tschernobyl war der bisher schwerste Unfall in einem Atomkraftwerk. Am 26. April 1986 geriet ein Versuch in dem ukrainischen Kraftwerk außer Kontrolle, sodass der Reaktorkern zerstört und das Kraftwerksgebäude schwer beschädigt wurde. Durch die Explosionen wurde eine extrem große Menge Radioaktivität freigesetzt.

Die Liquidatoren, zunächst vor allem Mitarbeiter des Kraftwerks und der Feuerwehr, sollten die Folgen der Katastrophe mindern. 600000 Menschen waren im Einsatz, 134 der Arbeiter wurden so stark verstrahlt, dass sie an akuter Strahlenkrankheit litten. 28 von ihnen starben innerhalb von Tagen und Wochen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass etwa 2200 Arbeiter vorzeitig an Strahlenschäden sterben werden. Weitere 4000, aus dem Kreis der Liquidatoren und Evakuierten, werden bis zum Jahr 2086 sterben. Seit 1990 wurden mehr als 6000 Fälle von Schilddrüsenkrebs in Weißrussland, Russland und der Ukraine gemeldet. Weil sich dieser Krebs gut behandeln lässt, starb nur etwa ein Prozent der Betroffenen an den Folgen der Krankheit.

Von K. Kuhlmann-Schultz

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