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Von wegen altes Eisen: Mit 59 Jahren zur Chefin geworden

Reinbek Von wegen altes Eisen: Mit 59 Jahren zur Chefin geworden

„Entschuldigung, Sie nehmen ja sowieso keine Alte, und nun komme ich auch noch zu spät“, war Friederike Wolkes erster Satz beim Vorstellungsgespräch. „Bleiben Sie, wir wollen eine Alte“, antwortete ihr künftiger Chef. Seit 1. Juli ist die 59-jährige Leiterin der Seniorenresidenz in Reinbek und genießt jede Minute.

Reinbek. „Ich bin wieder ich selbst“, sagt sie. „Mein Selbstwertgefühl ist wieder da.“

Verloren hatte sie es zwei Jahre vorher, als ihr Mann nach 39 Jahren Ehe starb und der Chef in Düsseldorf sie kurz darauf entließ, weil sie angeblich zu alt war. „Das war furchtbar“, blickt sie zurück, „alles brach zusammen.“ Zwar verhalf ihr ein Anwalt dazu, dass sie zunächst noch Gehalt bekam, aber das konnte Friederike Wolke nicht glücklich machen. „Mein Selbstbewusstsein war weg. Ich habe 41 Jahre lang gearbeitet, seit ich 16 war, und plötzlich hat man keine Arbeit“, sagt sie. Dabei ist die temperamentvolle Dresdnerin eine Frau, die sich immer über die Arbeit definiert hat. „Ich war nie abhängig, habe immer mein eigenes Geld verdient“, betont sie.

Eigentlich sei ihr Traumberuf Krankenschwester gewesen, aber in der DDR bekam sie keinen Ausbildungsplatz. Sie hat dann Einzelhandelskauffrau gelernt, was ihr, wie sie erzählt, viel Spaß gemacht hat.

Mit 18 Jahren wurde sie Ehefrau und Mutter, arbeitete aber weiter. Nach dem Ende der Ehe lernte sie ihren zweiten Mann kennen, der in der Gastronomie tätig war. „Wir haben ein Kulturhaus in Radebeul geleitet, und weil ich nichts ohne Ausbildung mache, habe ich parallel eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau und die Qualifikation zur Hausleitung gemacht“, erinnert sich Friederike Wolke.

1988 entschloss sich ihr Mann, in den Westen zu gehen — nach einem Besuch blieb er bei seiner Schwester in Mönchengladbach. „Ich habe das natürlich gewusst, aber das durfte ich nicht zugeben“, sagt Friederike Wolke. Im August 1989 durfte sie schließlich mit den mittlerweile zwei Kindern ausreisen. Im Westen ging sie als erstes zum Arbeitsamt. Als sie hörte, dass sie als Pflegehelferin arbeiten könne, fing sie sofort an. Aber nicht ohne Ausbildung. Drei Jahre dauerte die, war mittlerweile der dritte Beruf der damals 35-Jährigen und machte ihr, wie sie erneut betont, auch prompt wieder Spaß:

„Ich habe gemerkt, dass ich gerne mit Menschen arbeite. Man nimmt immer von jedem etwas mit.“ Spannend und interessant sei die Aufgabe: „Man ist Hauswirtschafterin, Seelsorgerin, Pflegerin, erlebt in einem Zimmer den Tod und im nächsten einen Geburtstag. Da muss man auch mal Schauspielerin sein.“

Friederike Wolke war so engagiert, dass man ihr anbot, Wohnheimleiterin zu werden. „Ich mache nichts ohne Ausbildung“, lautet ihr Mantra, also qualifizierte sie sich. Kurz darauf bot ihr ein großes Haus in Düsseldorf die Stelle als Heimleiterin an, um sie dann mit 50 aufs Altenteil zu schicken.

„In so einer Situation muss man jemanden zum Reden haben“, sagt sie. „Die Situation war mir peinlich.“ Sie zog zu ihrer Tochter nach Hamburg und kümmerte sich um die Enkel, dann ging sie zum Arbeitsamt. „Dort habe ich mich nicht wohl gefühlt“, kritisiert sie. „Man wird abgestempelt und fühlt sich herablassend behandelt.“

Erst als eine Mitarbeiterin sich nett um sie kümmerte, schöpfte sie wieder Mut. „Ich habe mich gefragt: Was kann ich? Was will ich? Und mich beworben, aber ich bin anfangs völlig falsch aufgetreten, weil ich so verzweifelt war. Man muss man selber bleiben. Irgendwann habe ich mir gesagt: Das bist nicht Du. Was machst Du da?“

Als sie einer freundlichen Fremden im Supermarkt ihr Leid klagte, gab die ihr den Tipp, sich in Reinbek zu bewerben. „Jetzt geht es mir gut“, sagt Friederike Wolke. Sie leitet das Haus mit 129 Bewohnern und 100 Mitarbeitern. „Hier sieht man meine Erfahrung als Vorteil. Menschlichkeit in der Pflege ist das Ziel des Hauses, da sind Lebenserfahrungen wertvoll. Mein Selbstwertgefühl ist wieder da.“

Bettina Albrod

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