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Vorsicht! Nasser Sommer lässt Giftpilze sprießen

Ahrensburg Vorsicht! Nasser Sommer lässt Giftpilze sprießen

Der nasse Sommer führt zu einem üppigen Pilz-Jahr. In diesem Jahr begann die Saison bereits Ende Juli und beschert Genießern Sorten, die es sonst kaum gibt. Gleichzeitig steigt das Interesse am Selbersammeln. Doch mit immer mehr Pilzsammlern steigt auch die Zahl der Pilzvergiftungen.

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Ingo Hartung misst den PH-Wert im Boden, um zu kartieren, welche Pilze unter welchen Bedingungen wachsen.

Ahrensburg. Man geht „in die Pilze“, dabei ist es eigentlich umgekehrt. Immer mehr Menschen essen selber gesammelte Pilze. „Zehn Prozent aller Bundesbürger gehen regelmäßig Pilze sammeln“, erklärt Pilzexperte Ingo Hartung, der an verschiedenen Volkshochschulen in Stormarn und Hamburg Kurse dafür anbietet. „Auch immer mehr junge Menschen begeistern sich dafür.“ In diesem Jahr ist die Ausbeute besonders groß. „Es ist ein sehr gutes Pilzjahr“, hat Hartung beobachtet. „Es hat schon Ende Juli begonnen. Der verregnete Sommer führt dazu, dass wir Sommerpilze haben. Masse und Sortenfülle sind die Folge.“

LN-Bild

Der nasse Sommer führt zu einem üppigen Pilz-Jahr. In diesem Jahr begann die Saison bereits Ende Juli und beschert Genießern Sorten, die es sonst kaum gibt. Gleichzeitig steigt das Interesse am Selbersammeln. Doch mit immer mehr Pilzsammlern steigt auch die Zahl der Pilzvergiftungen.

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Während es im Vorjahr beispielsweise kaum Birkenpilze und Sommersteinpilze gab, hat er sie dieses Jahr schon zuhauf gefunden. „Das ist eine Unterart, die nur wächst, wenn es feucht ist. Im Herbst kommen dann die normalen Steinpilze. Die vorgezogene Saison bringt uns ein paar Extrasorten.“ Die „Krause Glucke“ steht dagegen nur vereinzelt verdrießlich im Wald herum, denn sie lebt es eher trocken. Den Begriff „Pilze sammeln“ hört Hartung nicht so gerne. „Der Pilz wächst im Boden“, so der Fachmann, „was wir ernten, sind nur die Fruchtkörper.“ Hier achtet er auf nachhaltiges Sammeln.

„Es werden nur wenige Exemplare mitgenommen, etwas muss immer stehen bleiben.“ Hut ab bei diesem Gewächs, denn nur die Kappe wird gegessen.

Sein Körbchen füllt sich mit dem Violetten Scheidenstreifling, dem Fuchsigen Scheidenstreifling, dem Fransentäubling und dem Violetten Lacktrichterling, mit Ziegenlippe, Maronenröhrling und dem Schwärzenden Birkenpilz. Womit Hartung extrem vorsichtig ist, ist der Perlpilz, denn der hat einen tödlichen Doppelgänger. „Der Pantherpilz verursacht die meisten Todesfälle“, warnt Hartung. „Er sieht dem Perlpilz extrem ähnlich und enthält das Gift des Knollenblätterpilzes.“ Während man den ganz gut erkennt, tarnt sich der Pantherpilz so perfekt, dass auch Hartung nur zugreift, wenn er sich hundertprozentig sicher ist. „Der Pantherpilz heißt auch der „Sachsenmörder“, weil es besonders viele Vergiftungsfälle im Osten Deutschlands gibt.“

Mit dem Angebot steigt auch die Zahl der Pilzvergiftungen. Laut der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) gingen beim Giftinformationszentrum Nord in Göttingen bereits im Juli mehr als 130 Anfragen zu Pilzvergiftungen ein und damit mehr als doppelt so viele wie in den Vorjahren. Auch im August wurde hier über ein Drittel mehr Fälle gemeldet als 2016. Bestimmungsbücher oder Apps sind keine verlässliche Hilfe. „In vielen Bestimmungsbüchern werden Pilze als Speisepilz genannt, von denen man inzwischen weiß, dass ihre Langzeitwirkung tödlich ist“, so Hartung. „Der Echte Ritterling zählte lange als Speisepilz, mittlerweile hat sich herausgestellt, dass er das Muskelgewebe zersetzt.“ Pils zum Pilz geht auch nicht: Alkohol zu Waldpilzen kann zu Vergiftungen führen. „Waldpilze sind anders als Zuchtpilze voller Nahrungsstoffe, die in Verbindung mit Alkohol toxisch werden können.“Auf der anderen Seite gibt es auch heilsame Wirkungen bei Speisepilzen. Der Hallimasch ist ein genuscheltes „Hall im Arsch“, so der Ursprungsname, denn man wusste um seine abführende Wirkung, die ihn bei Verstopfung zu einem geeigneten Medikament macht. „Der Violette Rötelritterling ist dagegen ein Blutdrucksenker“, so Hartung. Sehr selten zu finden ist das Hexenei, die frühe Entwicklungsform des Stinkmorchels. „Das hat man früher gerne gesammelt, weil dem Hexenei eine aphrodisische Wirkung nachgesagt wird.“

Beim Ernten der Waldpilze greift Hartung nicht gleich zum Messer, sondern misst zuvor den PH-Wert des Bodens, auf dem der Speisepilz wächst. „Ich sammele die Daten für eine Kartierung“, erläutert Hartung, der am Aufbau eines Artenregisters beteiligt und Mitglied der Mykologischen Gesellschaft Deutschlands ist.

„In Stormarn sind Pilze weitgehend unbelastet. Der radioaktive Regen von Tschernobyl ist nur in der Kieler Bucht, der Lübecker Bucht und am Nord-Ostsee-Kanal niedergegangen.“ Allerdings werden Pilze schnell unverträglich, wenn man sie falsch lagert. Hartung bettet sie auf frisches Moos, auch dürfen sie nicht länger als einen Tag im Kühlschrank aufgehoben werden. Sie sollten nie roh gegessen und nicht in Plastiktüten aufgehoben werden.

Hartungs Korb ist jetzt gefüllt, er wird die Ausbeute auch einfrieren oder trocknen, denn so sind Waldpilze gut haltbar. „Im Moment macht die Pilzsaison Pause“, hat er beobachtet, „Ende September geht es wieder los.“

Mehr unter www.vhs-bargteheide.de

Die Giftinformationszentrale-Nord rät

Sammeln Sie keine Pilze, die Sie nicht ganz genau kennen.

Sammeln Sie nie nach Buch, App oder Internet. Vertrauen Sie nicht auf überlieferte und angeblich bewährte Methoden. Tierfraß bedeutet keine Sicherheit, denn Tiere reagieren anders als der menschliche Organismus auf Gifte. Machen Sie sich mit den häufigen und besonders giftigen Pilzarten vertraut.

Zeigen Sie bei Zweifel den Fund einem Fachmann.

Erreichbar ist das Giftinformationszentrum-Nord 24 Stunden am Tag unter 0551/19240

 Bettina Albrod

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