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Warum die Bienen verhungern

Bad Oldesloe Warum die Bienen verhungern

Stormarns Imker sind alarmiert: Ihre Bienen finden keine Nahrung.  „Wenn wir nicht zugefüttert hätten, wären sie mitten im Sommer verhungert“, sagt Rainer Götze, Vorsitzender des Reinfelder und Zarpener Imkervereins. Schuld sei der wachsende Einsatz von giftigen Pestiziden.

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Ein Imker hält eine Bienenwabe mit zahlreichen Bienen. Bald ein seltenes Foto? 170000 Bienenvölker sind im vergangenen Winter in Deutschland eingegangen.

Quelle: Fotos: Dpa, Matzen (2)

Bad Oldesloe. 150 bis 180 Kilo Sommerhonig hätte Rainer Götze von seinen zwölf Bienenvölkern ernten müssen. „Aber ich habe wie die meisten Imker rund 80 Prozent weniger geerntet – nur 30 Kilo waren es in diesem Jahr.“ Wenn der Vinzierer seine Bienen nicht mit einem Sirup aus Zucker und Traubenzucker am Leben erhalten hätte, wären sie verhungert. Zwischen 15 und 20 Kilo pro Volk musste er zufüttern. „Der Futtermangel in der Natur ist dramatisch“, so der 74-Jährige.

LN-Bild

Stormarns Imker sind alarmiert: Ihre Bienen finden keine Nahrung. „Wenn wir nicht zugefüttert hätten, wären sie mitten im Sommer verhungert“, sagt Rainer Götze, Vorsitzender des Reinfelder und Zarpener Imkervereins. Schuld sei der wachsende Einsatz von giftigen Pestiziden.

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Wasserstelle

Wasser gehört mit zu den wichtigsten Nährstoffen im Bienenvolk. Larven, Puppen sowie Ammenbienen brauchen am meisten Wasser. Der Wassergehalt im Bienenkörper nimmt mit dem Alter ab. Rainer Götze hat in seinem Garten deshalb eine Wasserquelle gebaut, von der die Arbeiterinnen bei ihren täglichen Flügen das Wasser heranschaffen.

Nach der Rapsblüte habe praktisch die Zeit des Mangels begonnen. „Es fehlen die Blühpflanzen – auf den Feldern und Wiesen wächst fast nichts, was den Bienen Nahrung bietet“, so Götze. Früher blühten an den Knicks Unkräuter, wilde Brombeeren und Himbeeren, aber das finde man immer seltener. Monokulturen sowie die zunehmende „Vermaisung“ seien dafür verantwortlich – und vor allem der Einsatz von giftigen Pestiziden. „Die Felder werden totgespritzt, nicht mal ein Regenwurm kann da mehr leben. Früher wurden die Äcker gepflügt. Aber heute macht man sich es ja leicht – einfach die Giftspritze“, ärgert sich der Imker.

Auch Haus- und Hobbygärtner würden zunehmend unkrautvernichtende Pflanzenschutzmittel einsetzen, hat Götze beobachtet. „Ich zupfe immer noch mein Unkraut. Man kann sich doch auch mal bücken.“ Aber heute wollten die Leute alle einen englischen Rasen. „Oder sie kippen sich Kies in den Garten und gehen dann mit der Spritze rum. Mein Gott, was ist denn dabei, wenn da mal eine Butterblume wächst?

Das macht doch nichts.“ Gerade Löwenzahn sei eine ganz wichtige Pflanze für die Bienen.

Tatsächlich ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland in erschreckendem Umfang gestiegen. Das bestätigte die Bundesregierung im Juni 2017 auf Anfrage der Grünen. Danach stieg die Gesamtmenge zwischen 2009 und 2015 um 15 Prozent auf 34 700 Tonnen.

Der immer stärkere Gifteinsatz ist nach Ansicht von Rainer Götze auch die Ursache für den schwindenden Vogelbestand und den Rückgang der Insekten. „Ich habe Bienen im Garten. Aber hören Sie irgendeinen Vogel?“, fragt der Imker beim Interview in Vinzier auf seiner Veranda. In einem Busch zirpt eine Grille, aber nicht mal in der Ferne vernimmt man ein leises Zwitschern. „Meisen, Rotkehlchen, Zaunkönig, Lerchen – alle sind weg. Kein Wunder: Es gibt auch keine Insekten mehr.“ Wenn er früher eine 200-Kilometer-Tour mit seinem Auto unternommen habe, sei die Scheibe mit Insekten total zugekleistert gewesen. Heute sei sie sauber. „Wenn wir keine Insekten haben, können auch die Vögel nicht leben. Wenn wir nichts für die Natur tun, sind wir alle irgendwann kaputt“, ist sich Götze sicher.

Der Herr von zwölf Bienenvölkern macht sich auch Sorgen, ob seine Immen die kalte Jahreszeit überstehen. „Im vergangenen Winter sind in Deutschland 170000 Völker eingegangen. Die Ursachen sind bis heute nicht eindeutig geklärt“, so der Vorsitzende des Imkervereins. Auch der Vinzierer war betroffen. „Von 30 Völkern, die ich eingewintert habe, habe ich 18 verloren. Die Kisten waren leer – bis auf 100 oder 200 tote Bienen.“ 5000 Bienen überwinterten normalerweise in einem Stock. „Bienen haben eine besondere Eigenschaft: Sie verhalten sich wie Indianer. Wenn sie merken, dass sie krank sind oder sterben müssen, verkriechen sie sich unter einem Busch. Sie fliegen raus, weil sie ihren Bienenstock nicht schädigen wollen.“ Die verlassenen Waben musste der Vinzierer allesamt abschmelzen. „Da können Sie das Heulen kriegen.“

Werden Bienen bald aussterben? „Wenn wir Menschen den Bienen nicht helfen, dann sind sie ruckzuck verschwunden von dieser Erde“, sagt Götze. Das hätte fatale Folgen, immerhin bestäuben die nützlichen Insekten zahlreiche Obst- und Gemüsepflanzen. Ein Drittel von dem, was wir essen, gäbe es laut Experten ohne Bienen nicht. „In der Landwirtschaft muss deshalb dringend ein Umdenken stattfinden“, so Götze. Auch die Politik sei gefordert.

3000 Imker gibt es in Schleswig-Holstein. „Die Zahl steigt. Aber die meisten, die dazukommen, sind kleine Hobbyimker“, weiß Götze. Sie haben mit vielen Problemen zu kämpfen. Da ist zum einen die Faulbrut. Der Erreger befällt die Bienenbrut. Folge: Die Larven schlüpfen nicht, sondern werden durch die Bakterien zersetzt. In und um Bad Oldesloe gab es in diesem Sommer mehrere Fälle der hochinfektiösen Krankheit.

Neben der Amerikanischen Faulbrut ist die Varroa-Milbe eine weitere große Bedrohung für die Bienenvölker. Die Bienen kommen bei dieser Krankheit verkrüppelt auf die Welt, sind orientierungslos, haben verstümmelte Flügel oder nur ein Auge.

 Britta Matzen

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