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Stormarn Wenn aus Faust plötzlich das zarte Gretchen wird
Lokales Stormarn Wenn aus Faust plötzlich das zarte Gretchen wird
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22:23 10.01.2018
Bei einer Probe gaben die Gesangssolisten gestern auch eine Kostprobe ihres tänzerischen Könnens. Quelle: Fotos: Von Dahlen
Bad Oldesloe

Dies ist der Ausgangspunkt für einen artistischen Ritt durch 150 Jahre musikalischer Faustinterpretation, die das Publikum ab morgen Abend im Oldesloer Kultur- und Bildungszentrum geboten bekommt.

Mit hängenden Schultern und leerem Blick hockt Faust da. Sein XXL-Bart wippt auf und ab, während Erinnerungen vor seinem geistigen Auge vorüberziehen. Wie Dämonen lauern sie im Türrahmen, werden lebendig, verselbständigen sich. Das Spiel nimmt seinen Lauf.

Termine

Zu sehen ist Faust am 12. und 13. Januar ab 20 Uhr sowie am 14. Januar ab 17 Uhr im Saal des Oldesloer KuBs.

Tickets: 18,50 (12,50) Euro, Abendkasse 20,50 (14,50) Euro

Reservierung unter Telefon 045 31/504199 oder online unter www.kub-badoldesloe.de.

Niemand Geringeres als der bekannte Theaterregisseur, Filmmacher und und Hochschuldozent Jürgen R. Weber schrieb das „Drehbuch“ für die Opernbearbeitung, die junge Bachelor-Kandidaten der Musikhochschule Lübeck (MHL) als Teil ihrer Prüfung in der Kreisstadt und anschließend in Lübeck aufführen werden.

Dabei bediente Weber sich der Kunstform des Pasticcios, einer Art Zusammenschnitt verschiedener Kompositionen, die jeweils auf ihre Weise den Faust-Stoff zum Gegenstand haben. Die Forschung kennt an die 90 Faust-Opern, Weber kombinierte Arien von Verdi, Radziwill, Wagner, Berlioz, Reichardt sowie Lieder von Mussorgski, Schumann oder auch Paul Dessau, um nur einige zu nennen. „Diese Fassung hatte ich aber schon in der Schublade liegen“, erzählte er gestern. Freilich habe er das Ganze noch einmal speziell für die jungen Gesangstalente aufbereitet, „damit sie zeigen können, was sie drauf haben.“

Und auf diesen Moment haben sich Anna Maria Wünsche und Natalija Valentin (Sopran), Tanja Renz (Mezzosopran), Annemarie Wolf (Alt), Sargis Mzikyan (Tenor) sowie Hussein Afta, Caspar Krieger und Ko Hyunsik (Bariton) und Erwan Tacher (Bass) in den vergangenen Monaten schon intensiv vorbereitet. Den letzten Schliff der szenischen Aufführung erhielten sie jedoch in den vergangenen Tagen bei den Proben im Oldesloer KuB.

Begleitet werden sie übrigens vom Kammerorchester der Musikhochschule unter Leitung von Robert Roche. Zum Einsatz kommen vier Saxophone, ein Keyboard und Perkussioninstrumente.

Bewusst hat Weber darauf verzichtet, die Musikzitate aus verschiedenen Epochen in die Jetztzeit zu verlagern. „Solche Modernismen wie Pistolen auf der Bühne gibt es bei mir nicht. Insofern ist die Inszenierung skandalös konventionell“, sagte er.

Doch das dürfte als Understatement gelten, setzt Weber doch andere Hebel an, um dem Stoff mehr Lebendigkeit zu geben. Nicht nur, dass im Vergleich zu den vorangegangenen Inszenierungen mehr spielerisch-tänzerische Aktion auf der Bühne zu sehen sein wird, alle neun Sänger wechseln von Szene zu Szene auch die Rollen. Da wird der einem Wischmopp nicht unähnliche Bart ans Gretchen weitergereicht, und die Zopffrisur landet auf dem Kopf des Tenors – ein „gender-swap“(Geschlechtswandel) wie Weber es nennt. „Die Erzählgeschwindigkeit ist durch das Tanzen und chorische Sprechen der Sänger viel höher“, erklärt er.

Bei der Requisitenauswahl setzt der erfahrene Theatermann voll auf Improvisation. Nicht nur Fausts Kinnbehaarung, auch Mephistos roter Schopf kann eine Geschichte erzählen. Vor Weihnachten diente er noch als possierliches Rentier und wurde eigens für die Inszenierung „umgebaut“. Auch greift Weber schon mal zur Bohrmaschine, um die rollbare Tür auf der Bühne zu perforieren oder er stanzt Herzen aus Wellpappe und klebt sie den Sängern auf die Brust, zum Herausreißen schön.

 Dorothea von Dahlen

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