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Stormarn Wenn das Vergessen kommt: Mit Hilfe durch die schwere Zeit
Lokales Stormarn Wenn das Vergessen kommt: Mit Hilfe durch die schwere Zeit
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20:18 20.09.2013
Nicht ohne den anderen, auch wenn dieser sich verändert. Quelle: Fotos: K. Kuhlmann-Schultz

Bernd kommt heute nicht zum Treffen der Gruppe von Menschen mit beginnender Demenz. Bernd ist mit dem Rad unterwegs. Seit Stunden ist er schon weg, Ehefrau Marlene ist mit dem Auto los, um ihn zu suchen. Fraglich ist, ob Bernd den Weg zurück nach Hause findet, denn Bernd hat Alzheimer.

Er ist einer von vier Männern, die jeden ungeraden Donnerstag im Monat an den Treffen der Alzheimer-Gesellschaft im Ahrensburger Peter-Rantzau-Haus teilnehmen. Er kommt regelmäßig mit seiner Frau, genauso wie Peter mit seiner Katharina, wie Norbert mit Elke und Hans mit Magitta (alle Namen geändert). Die Paare eint, dass sie mit einer Erkankung leben müssen, die im Laufe der Zeit einen von ihnen für immer verändern wird, in diesen Fällen die Männer. Verändern, weil die mentale Kompetenz nachlässt, verändern, weil die Gehirnsubstanz weniger wird. Verändern, weil der Mensch nicht mehr der ist, mit dem die Frauen jahrzehntelang zusammengelebt haben.

Das ist hart, lässt verzweifeln. In der Gruppe fassen sie Mut, die Männer als Betroffene, die Frauen als Angehörige. In der Gruppe finden sie Halt und Unterhaltung. Durch ihren Alltag müssen sie alleine durch. Magitta hält es manchmal nicht aus, hält nicht aus, wenn die Tage nicht blau, also gut sind, sondern grau. „Hans war so kreativ“, sagt sie, „er war Werbeleiter bei einem großen Tabakkonzern. Es gab nichts, was er nicht konnte. Er war ein Macher.“ Heute sitzt Magitta neben ihm und muss alles machen. Sie spricht auch oft für ihn, weil er so große Schwierigkeiten hat, sich zu artikulieren. Vertauschte Rollen. „Neulich hat unsere Tochter angerufen und wollte Hilfe“, der Papa sollte bei der Digitalisierung von Videos helfen. Früher ein Kinderspiel, Hans blieb nur zu sagen:

„Du kannst kommen, aber ich kann es nicht mehr.“ Das macht so traurig. „An manchen Tagen kann man das Lachen verlernen.“

Rückenstärkung kommt von Helma Schumacher, die die Gruppe gemeinsam mit Hilka Siercke-Berndt leitet. „Dafür kannst du andere Sachen“, macht sie Mut. Tatsächlich. Hans besucht jede Woche eine Geschichts-Vorlesung an der Hamburger Uni. Noch, denn ungewiss ist, wie lange er das noch kann. Er weiß das. Ruhig sitzt er neben seiner Frau, die Augen lächeln, das Gesicht ist freundlich. Es ist in Ordnung, wenn sie für ihn spricht. Und doch hat Hans seinen Freunden nach der Diagnose selbst erklärt was er hat und was das mit ihm machen wird.

Auch Peter und Norbert wissen, dass sie sich verändern. Peter macht das mit sich aus, „er schluckt das runter“, verzweifelt seine Frau manchmal und akzeptiert es doch. „Was soll ich sagen, es ist ein schwieriges Thema. Es hat Auswirkungen auf alles, das Leben verändert sich radikal.“ Das Leben der gesamten Familie. „Unsere Tochter hat mittlerweile gelernt, damit zu leben“, so Magitta, „aber unsere beiden Enkel verstehen nicht, dass ihr Opa sich so verändert“.

„Man muss lernen, anders zu denken und sich in die Krankheit einfühlen“, weiß Helma Schumacher. Das ist gar nicht so einfach. „Wenn ich nicht verstehe, was mein Mann will, dann werden wir beide so aggressiv“, erzählt Elke. Neulich eskalierte die Situation wieder. Elke hat Norbert gesagt, wie er seine Mütze aufzusetzen hat. Norbert schmiss die Mütze in die Ecke, wurde laut, pöbelte im Garten.

„Jede Korrektur wirft den dementen Menschen einen Schritt zurück, unterstützt seine Unsicherheit. Die Angehörigen müssen sich klarmachen, dass die Konventionen unserer Gesellschaft nicht alles bestimmen“, unterstreicht Schumacher. „Für die Kranken kann die Konvention kein Maßstab sein, seine Fähigkeiten, das was er kann, sind der Maßstab.“ Eine große Lernaufgabe für die Angehörigen.

Bernd ist übrigens wieder aufgetaucht. Er hat sein Rad nach Hause geschoben und kommt wohl zum nächsten Treffen der Gruppe.

Alzheimer-Gesellschaft
Zum Weltalzheimertag hat die Alzheimer-Gesellschaft Stormarn, Selbsthilfe Demenz, (Kontakt 04102/822222) ein buntes Programm vorbereitet. Bis zum 27. September läuft noch die Ausstellung „Blaue und graue Tage“ der Fotografin Claudia Thoelen im Foyer des Ahrensburger Rathauses.


Heute beginnt um 18 Uhr im Ahrensburger Marstall eine Kulturveranstaltung mit den Kranken. „Leben mit Musik“ lädt zum zuhören, mitsingen und genießen ein. Morgen eröffnet Pastorin Anke Vagt um 10 Uhr den Alzheimer Gottesdienst in der Peter-Paul-Kirche in Bad Oldesloe.

Kerstin Kuhlmann-Schultz

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