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Wilder Westen mitten in Stormarn

Grabau Wilder Westen mitten in Stormarn

Geschichte und Geschichten vom Dorf: „Stormarner Landpartei“ heißt es von heute an jeweils mittwochs und sonntags – Den Anfang macht Grabau – Dort wohnen unter anderem Henning und Nicole Ramm.

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Im Saloon: Henning und Till Ramm mit Jack Russell „Socke“. Den Saloon hat Familie Ramm in Eigenarbeit in der Scheune eingerichtet und mit ungewöhnlichen Fundstücken dekoriert. „Hier schauen die Leute aus dem Dorf auch gerne mal vorbei“, sagt Henning Ramm.

Grabau. Cowboyhut, Westernhemd – Henning Ramm sieht aus wie John Wayne, wenn er über seine Ranch schlendert. Selbst der wiegende Gang erinnert an den Leinwandhelden. Die Ramm Ranch in Grabau ist bekannt fürs Westernreiten. 39 Pensionspferde sind hier untergebracht. „Mit Englischem Reiten haben wir angefangen, irgendwann kam das Westernreiten dazu“, erzählt der 51-jährige Landwirt. „Das ist wie Fasching, habe ich anfangs gedacht, als ich die Leute auf den Pferden gesehen habe. Aber dann habe ich gemerkt, wie wendig die Quarter Horses sind – die kommen unheimlich schnell aus’m Knick, weil sie auf das Arbeiten am Rind trainiert sind.“ Inzwischen ist Henning Ramm selbst Westernreiter. Ehefrau Nicole, eine ehemalige Springreiterin, hat ihn dafür begeistert. Auf der Ramm Ranch findet Unterricht im Westernreiten statt, und regelmäßig werden Turniere veranstaltet. „Das Schöne ist, dass es unter den Westernreitern richtig familiär zugeht. Die schlagen ihr Camp bei uns auf, und abends wird zusammen gegrillt und im Saloon in der Scheune gefeiert“, berichtet die 43-Jährige. Herrlich sei das.

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Geschichte und Geschichten vom Dorf: „Stormarner Landpartei“ heißt es von heute an jeweils mittwochs und sonntags – Den Anfang macht Grabau – Dort wohnen unter anderem Henning und Nicole Ramm.

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„Lass uns mal sehen, was unsere Kinderstube macht“, meint Henning Ramm zu Sohn Till (17), und schon cruisen beide im silbernen Pickup durchs Dorf. Immer mit dabei: der neunjährige Jack Russell „Socke“. Keine Sekunde lässt er Herrchen aus den Augen. Die Kinderstube, das ist die Nachbars-Weide, wo Bulle „Peter“ mit zehn Kühen, Kälbern und Einjährigen grast. Familienweide sozusagen. „Kommt, Kühe, kommt!“, ruft Ramm, und schon traben die Rindviecher an. „Nur Vaddi ist langsamer, der ist ja auch schon ’n Tag älter“, schmunzelt Ramm. „Vaddi“ – das ist Bulle „Peter“, den der Landwirt vor 13 Jahren vom Ökogut Borken in Mecklenburg-Vorpommern geholt hat. Mit dem prächtigen Rind startete der Grabauer 2006 seine Anguszucht. „Um die 20 Tiere haben wir, die wir selbst vermarkten.“ Bei Schacht in Bad Oldesloe wird geschlachtet. „Zwei Wochen hängt das Fleisch dort ab, bevor es zerlegt und in Portionen verkauft wird.“ Ramms Anspruch: „Wir wollen mit Qualität überzeugen. Bei uns fressen die Tiere nur das, was in Grabau wächst. Natürliche Nahrungsmittel zu produzieren, das bringt Spaß und schmeckt so viel besser.“

Die Jungtiere schlachten zu lassen, das fällt den Ramms aber immer noch schwer. „Das ist auch der Grund, warum wir den Kälbern inzwischen keine Namen mehr geben. Dann trennt man sich noch schwerer“, sagen Vater und Sohn. Vor Jahren hätten sie ein Kalb gehabt, das sei auf der Weide in die Wanne gefallen. „Der Tierarzt hatte das Tier schon aufgeben“, so Ramm. Aber die Familie hätte alles versucht, um das kleine Kälbchen, dass sie „Moses“ getauft hatten, zu retten. „Wir haben ,Mosi mit der Flasche gefüttert, in den Pferdestall gelegt und mit Ferkellampen gewärmt. Ich habe ihm sogar meinen Pullover angezogen“, erinnert sich Till. Der Einsatz wurde belohnt. „Mosi“ kam durch und wich der Familie fortan nicht mehr von der Seite. Mal stand „Mosi“ in der Diele, mal in der Küche. „Wie ein Hund kam das Kalb überall mit hin“, erzählt Nicole Ramm. „Das Problem war nur: ,Mosi' war nicht stubenrein“, erinnert sich Till. Als Klein-„Mosi’ zum größeren „Moses“ wurde, bekam er deswegen Hausverbot. „Als ,Moses‘ eines Tages sämtliche Blumen im Garten der Nachbarn aufgefressen und dort auch richtig viel platt gewalzt hatte, entschied die Familie schweren Herzens, „Moses“ wieder in seine Herde zurückzuführen. „Das war das Grausamste, was ich je einem Tier angetan habe. ,Moses’ stand am Zaun und hat nur geweint, weil er zu uns zurück wollte. Nie wieder werde ich ein Tier mit einer Flasche aufziehen“, sagt Ramm, dem diese Geschichte auch nach Jahren noch sehr nahe geht.

Für die nächste Zeit haben die Ramms viele neue Projekte in Planung. „Wir verlängern die Reithalle und bauen einen neuen Pferdestall“, erzählt der 51-jährige Landwirt. Der Betrieb müsse vergrößert werden, da sein Sohn mit einsteige und der Hof künftig zwei Familien ernähren müsse. Außerdem wollen die Grabauer mit Kartoffeln anfangen. „Kartoffeln haben meine Eltern schon mal in den Siebzigern angebaut. Ich habe mir jetzt extra dafür eine alte Hacke angeschafft“, so Henning Ramm. Traditionelle heimische Sorten wolle er züchten – Stefanie und Bernadette, auf biologische Weise. „Ich will schließlich Kartoffeln produzieren, die sich durch den Geschmack auszeichnen.“ Eine Nachbarin, Malerin Gesa Tams-Koll, habe auch bereits ein Logo entworfen: zwei Kartoffeln beim Square Dance.

Geschichte von der Steinzeit bis heute

Vor 5000 Jahren gab es in Grabau schon erste Siedler. Davon zeugen die Hünengräber.

1433 wurde „Grabouwe“ erstmals urkundlich erwähnt.

17. Jahrhundert: Grabau wird ein Meierhof und zu Borstel zugehörig.

1804: Grabau wird von Borstel abgetrennt, an Joachim Christoph Janisch verkauft und zum eigenständigen adeligen Gut erklärt

Danach wechselnde Gutsherrschaft:

1807: von Herzele

1811 von Moltke

1821 G. Schröder

1846 A. Arnemann

1881: Th. Weber

1905: G. Lahusen

1933: Bölck

1936: Übernahme durch die Deutsche Wehrmacht, zunächst als Remonte-Amt, ab 1942 als Heeresgestüt

1947: Aufsiedelung des Gutes unter Beibehaltung eines Restgutes mit 100 Hektar. Eigenständige Dorfgemeinschaft mit Bürgermeister.

1950, 1959, 1980, 1992: Erweiterung des Dorfes durch Baulanderschließung

2015: Innerörtliche Verdichtung

Wer zum Dorfleben dazugehört

Der Wirt

Neues Leben für den „Dorfkrug“: Die Freude in Grabau war groß, als Thomas Niethammer vor zehn Jahren die verwaiste Gaststätte übernahm. Der Schwabe wollte „raus aufs Land“. Doch mit Maultauschen und Spätzle konnte der Koch den Grabauern nicht kommen: „Die Leute hier stehen auf Bratkartoffeln.“ Also serviert er eine gutbürgerliche Küche auf norddeutsche Art: hausgemachtes Sauerfleisch mit Remouladensoße und Bratkartoffeln, Bauernfrühstück oder Pannfisch. Dazu saisonale Spezialitäten. „Im Moment sind Pfifferlinge in allen Variationen der Renner.“ Und weil man mit 25 Plätzen im Schankraum nicht überleben kann, hat Niethammer inzwischen angebaut. Es gibt einen idyllischen Biergarten und einen Wintergarten, der für Feiern gern genutzt wird.

Die Blumen-Fee

Wo sich einst die Gärtnerei ihres Großvaters befand, betreibt Annika Schwarz heute ihr Geschäft „Schönes für Haus und Garten“. „Das ist wie Urlaub bei Ihnen, sagen mir viele Kunden. Ich empfinde das auch so“, sagt die 39-Jährige, die jedem Fest und Anlass mit bezaubernden Blumenarrangements den individuellen Rahmen verleiht. Die Grabauerin fertigt Blumenschmuck von der Geburt über Hochzeit bis zur Trauer an und bietet daneben eine große Auswahl an schönen Accessoires aus vergangenen Zeiten. „Bei mir gibt es aber auch das persönliche Gespräch, das woanders auf der Strecke bleibt“, so Schwarz. In ihrer verwunschenen Location veranstaltet sie zudem Lesungen statt sowie Adventsausstellungen.

Die Chronisten

Seit mehr als 35 Jahren graben sie Zeugnisse aus Grabaus Vergangenheit aus: Doris (76) und Eckhard Moßner (78). Das Ehepaar hat Grabaus Dorfchronik verfasst und jahrzehntelang die Dorfzeitung „Gestern–Heute-Morgen“ mitproduziert. „Wir haben uns immer schon für historische Themen interessiert“, sagen die beiden pensionierten Lehrer, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebene aus Ostpreußen und Pommern nach Grabau kamen. „Im Januar 1945 sind wir mit meinem Großvater vor den Russen geflohen – im Treck mit drei Fuhrwerken“, erinnert sich Eckhard Moßner. Doris Moßner flüchtete 1944 mit Familie aus Königsberg. Die meisten Vertriebenen, deren Ziel Grabau war, kamen aus dem ostpreußischen Liesken, das wie Grabau Heeresremonte-Amt war, auf dem Pferde für den Krieg vorbereitet wurden. „Die Pferde wurden hier abgehärtet und durchseucht, damit sie nicht zusammenbrachen, wenn sie an der Front Kanonen ziehen mussten.“.

Wenn sich die Moßners zurück erinnern an die Flucht und die ersten Jahre in Grabau, haben beide einen Gedanken: „Hunger“. Noch heute können sie es nicht ertragen, wenn jemand seinen Teller nicht leer isst oder Essen wegwirft. Überhaupt sei das Leben in der neuen Heimat karg gewesen. Es gab spärlich zu essen, wenig zum Anziehen. „Aus Heeresdecken wurden Hosen genäht, bis Oktober liefen wir ohne Schuhe.“ Noch heute wohnt das Ehepaar in dem Haus, das Familie Moßner Silvester 1948 mit Vater, Mutter und fünf Geschwistern bezog. Es ist einer der ehemaligen Pferdeställe des Remonte-Amtes. Auch wenn der Anfang in Grabau beschwerlich war, das Dorf ist für beiden Heimat geworden. Davon zeugt auch ein Bild, das im Wohnzimmer der Moßners hängt: das „Weiße Haus“ von Grabau. Gutsbesitzer A.

Arnemann, der nach Nordschleswig ausgewandert war, hatte es einst mitgenommen. „Irgendwann erhielten wir einen Anruf. Eine Nachfahrin des Gutsbesitzers wollte es nach Grabau zurückführen. Da habe man an uns als Chronisten gedacht. Wir haben uns gefreut wie Kinder zu Weihnachten.“

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DREI FRAGEN AN...

1 Wodurch zeichnet sich Grabau aus? Das Besondere an unserem schönen Grabau ist, dass die Gemeinde aus zwei Ortschaften entstanden ist: aus Grabau und aus dem ostpreußischen Liesken. 300 Menschen sind nach dem Krieg aus Liesken gekommen und hier geblieben. Zudem sind wir im Dorf eine sehr gute Gemeinschaft. Es gibt viele Feste, und die organisieren die Leute selbst.

2 Warum lohnt sich ein Ausflug nach Grabau? Es gibt die Möglichkeit, ausgedehnte Wanderungen oder Fahrradtouren in der schönen Natur von Grabau zu unternehmen, am See, im Wald oder an Wegen entlang der Felder. Kinder können sich im „Walderlebnis Grabau“ mit der Natur vertraut machen und Zusammenhänge erlernen.

3 Welche Pläne hat die Gemeinde für die nahe Zukunft? Wir würden gern die Raser in der Rosenstraße ausbremsen und den Verkehr dort beruhigen. Dafür sind wir im Gespräch mit dem Landesstraßenverkehrsamt und hoffen, etwas zu erreichen.

Britta Matzen

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