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Imke Schal (19) arbeitet in einem indischen Heim Er liebt sie, er liebt sie nicht. . .
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11:29 07.04.2016
Arrangierte Ehe: das Paar mit Pastoren Quelle: Imke Schal
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Meine Mitfreiwillige Helena und ich sitzen in der Kirche. Vorne vor dem Altar stehen zwei Stühle, auf denen ein junger Mann und eine junge Frau sitzen. Beide schauen stur geradeaus. Zwischen ihnen liegt zwar nur ein Abstand von wenigen Zentimetern, doch der scheint unüberbrückbar. Dann verstummt der Pastor und beide stehen auf und gehen zum Altar. Sie in einem orange-roten Sari mit goldenen Stickereien, dazu weißen Schleier und Goldschmuck. Er in einem dunklen Anzug mit Krawatte. Beide tragen sie einen großen Blumenkranz um den Hals. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich sehe, wie sich zwei Menschen, die sich einander nicht selbst ausgesucht haben, das Ja-Wort geben. Denn es ist eine von den Eltern arrangierte Ehe zwischen Cousine und Cousin. Gerade sagen die beiden das Ehegelöbnis auf, doch nun folgt nicht, wie bei uns üblich, das Austauschen der Ringe. Die Trauzeugin bringt eine Goldkette, den so genannten Thali, die der Ehemann seiner Braut um den Hals legt. Anschließend werden sie vom Pfarrer gesegnet und kurz darauf ertönt schon der Hochzeitsmarsch. Nun schreitet das Paar den Kirchengang hinab und steigt draußen in einen Wagen. Die Kirche leert sich daraufhin schlagartig, alle machen sich auf den Weg zum Hochzeitsempfang.

Als wir dort ankommen, gibt man uns zunächst Zucker zu essen sowie eine Rose fürs Haar und Sandelholzpaste, um sie an unseren Hals zu tupfen. Wir nehmen Platz und beobachten das Treiben auf der Bühne. Nach einigen Reden werden der Braut von verschiedenen Gästen ein Schnur mit einem kleinen goldenen Anhänger daran um die Stirn gebunden. Insgesamt sind es sieben Stück. Als nächstes sind die Geschenke dran, und vor der Bühne bildet sich eine Schlange an Beglückwünschern, in die wir uns einreihen. Anschließend wird ein Foto mit dem Brautpaar gemacht. Damit ist für uns der offizielle Teil vorbei und wir gehen mit den Schwestern nach oben zum Essen. Es gibt keine wirkliche Eröffnung des Hochzeitsessens. Wir nehmen an einer der langen Tischreihen Platz und sofort kommt ein junger Mann und häuft Biriyani auf das Bananenblatt vor mir. Direkt hinter ihm warten noch vier andere Männer, die verschiedene Soßen, Beilagen, Wasser und zum Nachtisch Payasam vor mir platzieren. Als Zeichen, dass ich fertig bin und, dass mir das Essen geschmeckt hat, falte ich kurze Zeit später das Bananenblatt in meine Richtung. Andersherum würde ich nämlich dem Personal zu verstehen geben, dass mir das Essen nicht besonders gemundet hat. Damit ist die Hochzeit für die Schwestern, Helena und mich beendet. Auf dem Weg nach Hause passieren wir einen kleinen Laster, der die Aussteuer der Braut beinhaltet: Küchengeräte, Möbel und andere Haushaltsgegenstände, denn sie wird nun bei der Familie ihres Mannes wohnen. Irgendwie hatte ich mir meine erste indische Hochzeit anders vorgestellt - irgendwie herzlicher.

Arrangierte Ehe


Das Hochzeitsessen


Bänder um die Stirn


Liebes-Hochzeit


Marschkapelle


Hochzeitsbühne


Das glückliche Paar vor dem Altar

Pongale, Pongale, Pongaleee!!

Laut und blechern ertönt das Trommeln gefolgt von glockenhellem Lachen und dem freudigen Ausruf “Pongale, Pongale, Pongaleee!!” Ich sitze vor dem Kindergarten und kann mir das Lachen nicht verkneifen als ich sehe, wie die Kinder und Erzieherinnen wild auf ihre Blechteller trommeln und von einem Bein aufs andere hüpfen. Der Topf auf der Feuerstelle ist vor dem Kindergarten soeben übergekocht; sofort kommt Rajalakshmi, unsere Köchin im Kinderheim, angelaufen und rührt mit einem großen Löffel im Topf herum, woraufhin die blubbernden Blasen erst einmal verschwinden und alle wieder zur Ruhe kommen. Gebannt starren sie auf den Topf, der mit einer “Manje”-Pflanze umwickelt ist und ein Reisgericht namens Pongal enthält. Nach diesem Gericht sind auch der heutige Feiertag sowie die beiden darauffolgenden Tage benannt. Bevor Raja angefangen hat, das Essen in dem Topf zuzubereiten, vor dem wir jetzt alle so gespannt sitzen, haben Helena und ich zusammen mit Anna ein großes Kollam vor das Kinderheim gemalt. Wenn ich es jetzt so anschaue, sieht es eigentlich ziemlich gut aus. Doch plötzlich werde ich erneut durch das scheppernde Geräusch der Blechteller aus meinen Gedanken gerissen, denn der Topf ist ein weiteres Mal übergeschäumt. Wieder kommt Rajalakshmi und rührt um. Das Ganze wiederholt sich noch ein weiteres Mal, bevor das Pongal fertig ist. Erwartungsvoll und hungrig von dem ganzen Herumgespringe sitzen wir nun auf dem Boden und essen das Pongal, wobei sich der ein oder andere die Finger verbrennt. Es ist das erste Mal, dass ich Sakere Pongal esse und ich bin hellauf begeisert! Es hat einen süßen Geschmack und enthält Milch, Gram, Cashewnüsse, Rosinen und Cardamon.

Helena und ich beim Kollampuderstreuen


Kollam-Kreidevorzeichnung


Die Kinder vorm Kollam


Anna verteilt das Sakre


Warten, dass es kocht


"Unsere" Kinder
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