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Imke Schal (19) arbeitet in einem indischen Heim Imke entdeckt das farbenfrohe Indien
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16:17 26.11.2015
Ein Gang mit Blumenverkäufern auf dem Markt von Pondicherry. Quelle: privat
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Tagebucheintrag:

"Überrascht wache ich auf, weil mich etwas am Arm kitzelt. Ich brauche eine Weile, um mich zu erinnern, wo ich gerade bin. Ich sitze im Nachtbus nach Pondicherry und bin wohl eingeschlafen. Jetzt sehe ich auch, was mich geweckt hat. Die Frau neben mir hat es sich zum Schlafen an meiner Schulter gemütlich gemacht, wobei eine ihrer Haarsträhnen durch den Fahrtwind ständig meinen Unterarm streift. Eine weitere Sache, an die ich mich als "kühle, distanzierte" Deutsche erst einmal gewöhnen musste. Ich lehne mich zurück und versuche trotz der dröhnenden Bollywoodmusik, des Hupens und der unsanften Fahrt wieder einzuschlafen.



Arbeiter auf einem Reisfeld




Blick aus dem Busfenster in ein kleines Dorf


Hütten in einem Dorf aus dem Busfenster


Obwohl ich natürlich hauptsächlich zum Arbeiten hier in Indien bin, unternehme ich mit meinen Mitfreiwilligen an unseren freien Wochenenden auch ab und zu mal einen Ausflug, um die Umgebung kennenzulernen. Bis jetzt waren wir immer zu dritt unterwegs: Carlotta, eine Freiwillige aus einem Dorf nicht weit von uns, Helena aus meinem Projekt und ich.

Zuerst waren wir in Pattukotai, wo auf einem großen Gelände ein Mädchenheim liegt, welches noch mit zu meinem Projekt gehört, auch wenn man es laut den Vorfreiwilligen maximal zweimal besucht, während man hier ist. Während der dreistündigen Fahrt muss man zweimal umsteigen und zahlt am Ende umgerechnet weniger als einen Euro.

Tagebucheintrag:

"Wir stehen am Busbahnhof in Mayiladuthurai, um uns herum ist reger Betrieb. Obwohl es schon spät am Abend ist, sind überall Menschen: Busfahrer oder- schaffner, Rikschafahrer, die auf Kundschaft hoffen, Verkäufer mit einem Bauchladen voller Snacks oder einfach Menschen, die auf ihren Bus warten, wobei viele von ihnen dabei auf Bänken liegen oder auf dem Boden auf Zeitungen schlafen. Helena und Carlotta besorgen gerade Parotta, einen Teigfladen mit einer scharfen, orangenen Soße, den man hier bei vielen der Straßenküchen, in Zeitungspapier eingewickelt und für wenig Geld, für die Weiterreise mitnehmen kann. Wild hupend und ziemlich rasant kommt ein bunt bemalter Bus an mir vorbeigefahren. Hinten auf der Scheibe lächelt mich ein weißes Baby vor einem Hintergrund aus Blumen an. Ich frage mich bei den Schaffnern in ihrer Kombi aus brauner Hose und braunem Hemd durch, wo unser Bus zurück nach Thanjavur fährt. Mittlerweile weiß ich, dass man mindestens zwei Leute fragen sollte, um den richtigen Bus zu finden."

Leider stehen auf den meisten Bussen die Zielorte nur auf Tamilisch und Buspläne kann man im Internet lange suchen. Am besten fragt man immer Einheimische oder direkt an der Bushaltestelle, wann die Busse fahren und in welchen man einsteigen muss. Bis jetzt war jeder, den wir gefragt haben, extrem hilfsbereit und konnte unsere Fragen eigentlich auch immer beantworten. Das Einzige womit man hier rechnen muss ist, dass viele Inder, die die Antwort auf eine solche Frage oder beispielsweise eine Wegbeschreibung nicht wissen, einem einfach irgendetwas sagen. Das geschieht dann nicht aus einer bösen Absicht, sondern weil sie einem gerne helfen möchten, aber nicht zugeben wollen, dass sie dazu eigentlich nicht in der Lage sind. Wenn man so zwei bis drei Leute fragt, am besten Schaffner oder Busfahrer, dann kommt man auf jeden Fall ans Ziel. Wir hatten auch schon Passagiere, die in der gleichen Richtung unterwegs waren und uns dann angeboten haben, uns beim Umsteigen zu helfen. Bis jetzt sind wir noch nie in eine brenzlige Situation gekommen, obwohl wir alle drei junge Mädchen sind, aber man sollte trotzdem vorsichtig sein, vor allem nachts.

Trotz aller Vorsicht sollte man sich auf jeden Fall auf Gespräche mit den Einheimischen in Bus und Zug einlassen. Man kann sein Gegenüber und dessen Absichten meist sowieso ganz gut einschätzen und wir hatten schon einige nette Unterhaltungen und auch indische Süßigkeiten wurden uns mehrfach angeboten und uns ist nichts passiert. Gastfreundschaft wird hier großgeschrieben und fast alle Menschen, die man trifft, sind stolz auf ihr Land und ihre Kultur, weshalb sie sich freuen, etwas davon mit Außenstehenden teilen zu können.

Henna-Bemalung unserer Mädchen


Tagebucheintrag:

"Meine Mitfreiwilligen Carlotta und Helena sitzen neben mir auf dem Schulhof des Mädchenheims in Pattukotai auf dem Boden. Um uns herum stehen Kokos- und Bananenpalmen, die in der Dämmerung langsam verschwinden. Eines der Mädchen malt uns gerade ein Hennatattoo und wir bewundern staunend ihre Arbeit. Ohne groß nachzudenken, malt sie ineinander verschlungene Blumen, Schnörkel und Formen auf unsere Hände und Arme. Die anderen Mädchen unterhalten sich währendessen angeregt mit uns. In einer Mischung aus Englisch und Tamil sprechen wir über ihre Wünsche für die Zukunft, die Schule und indische Musik. Sofort springen einige der Mädchen auf, wild entschlossen, uns einen tamilischen Tanz beizubringen. Sobald unser Henna, hier heißt es übrigens Mehendi, fertig ist, versuchen wir uns an einer ihrer Choreos, was zu viel Gelächter unserer- und ihrerseits führt. Als uns die Heimleiterin zum Essen ruft, versprechen wir morgen weiter zu proben und setzen uns unter den Ventilator an einen Tisch auf dem frittierte Teigtaschen, namens Poori, und eine Kartoffelsoße auf uns warten."

In Pattukotai angekommen, wurden wir sofort begeistert von den Mädchen empfangen. Es waren nur noch 20 von ihnen dort, weil eigentlich Ferien waren und die anderen alle zu Verwandten oder ihren Eltern gefahren sind. Die Mädchen waren zwischen sechs und 17 Jahren alt und sind teilweise in dem Kindergarten, in dem ich in Thanjavur arbeite, aufgewachsen. Sofort wurde sich darum gestritten, wer unsere Hand halten und uns das Gelände zeigen darf.

Mit den Mädchen in Pattukottai


Ein Mädchen präsentiert den Tagesablauf in ihrem Heim.


Zum Beispiel laufen gute Freunde hier Händchenhaltend durch die Stadt, egal ob Jungs oder Mädchen, Männer oder Frauen. Wobei man sagen muss, dass hier immer gleichgeschlechtliche Freundschaften gemeint sind. Dabei muss ich auch immer an den überraschten und irritierten Gesichtsausdruck meines Mitfreiwilligen denken, als ihm unser Mentor im Restaurant in Chennai sanft den Rücken gekrault hat. Aber daran gewöhnt man sich schnell.

Ein ganz anderes und eindeutig weniger indisches Erlebnis war unser Ausflug nach Pondicherry. Eigentlich heißt die Stadt mittlerweile Puducherry, aber die meisten Menschen hier kennen sie immer noch unter ihrem Namen aus der Kolonialzeit. Es ist übrigens ein weit verbreitetes Phänomen in Indien, dass Städte wieder den Namen erhalten, den sie vor der Fremdherrschaft der Engländer und Franzosen hatten. Madras heißt jetzt zum Beispiel wieder Chennai, Tanjore wurde in Thanjavur zurückbenannt und Tharangambadi hat ebenfalls seinen dänischen Namen Tranquebar abgelegt. Manchmal führt dies noch zu Problemen, wenn man eine Busverbindung erfragen will, weil manche Inder nur einen der beiden Namen kennen, aber irgendwie kommt man immer an seinem Zielort an.

Zurück zu Pondicherry: Carlotta, Helena und ich sind mit dem Nachtbus dorthin gefahren und sollten eigentlich um 5 Uhr morgens ankommen. Als der Busfahrer uns geweckt und verkündet hat, dass wir jetzt da wären, war es allerdings erst halb 3. Etwas verwundert und verschlafen sind wir ausgestiegen. Leider hatten wir keine Ahnung, wo wir jetzt hin sollten, da wir eigentlich nicht geplant hatten, für diese Nacht ein Hotel zu nehmen. Aber zu dieser Zeit wussten wir nichts anderes mit uns anzufangen. Also sind wir zu fast allen Hostels am Busbahnhof gegangen, in der Hoffnung ein Zimmer zu finden, aber überall wurden wir vom Nachtportier abgewiesen. Auch als wir mit einer Rikschha durch die Stadt gefahren sind und unser Fahrer an allen Hostels, die ihm eingefallen sind, angefragt hat, blieben wir erfolglos. Also baten wir ihn, uns einfach am Strand abzusetzen. Ihm war nicht besonders wohl bei der Sache und er sagte uns, dass wäre um diese Uhrzeit nicht sicher, aber nach 14 Absagen hatten wir die Hoffnung auf ein Hostelbett aufgegeben.

Auf der Promenade von Pondicherry


Nachdem die Anderen dann angekommen waren und wir Zimmer in einer Ashramunterkunft für umgerechnet 2,50 Euro die Nacht gebucht hatten, machten wir uns auf die Suche nach einem leckeren europäischen Frühstück. Insgeheim war das nämlich der eigentliche Grund für diese Reise. Nach über einem Monat ohne irgendein vertrautes Gericht, hatten wir alle Sehnsucht nach Pizza, Nudeln, Müsli, Brot und Backwaren. Es lag nicht einmal daran, dass uns das indische Essen nicht schmeckte, ganz im Gegenteil, trotzdem vermisst man die "heimische" Küche irgendwie.

Hier in Pondicherry trifft man auf viele andere Europäer und auch einige Auswanderer, außerdem ist der Dresscode hier um einiges weniger traditionell. Man sieht also auch mal Frauen in kurzer Hose oder mit einem Kleid und nackten Beinen, was man sonst in Indien, außer vielleicht in Großstädten, nicht zu Gesicht bekommen würde.

Gandhistatue in Pondicherry


Café des Artistes Pondi


Tagebucheintrag:

"Ich sitze mit meinen Mitfreiwilligen in einem kleinen, modern eingerichteten Café in einem Hinterhof. Auf dem Tisch vor uns stehen Crêpes, Porridge, Omlett und Croissants. Unsere Handys haben sich bereits in das WLAN des "Café des Artistes" eingeloggt und wir trinken entspannt unseren Café au Lait. Die Häuser um uns herum lassen vermuten, dass wir in einer französischen Stadt am Mittelmeer sind, doch geht man nur ein paar Straßen weiter, steht man mitten zwischen Säcken voller Gewürze, exotischem Obst und Holifarben auf einem indischen Basar. Das ist es auch, was den Reiz von Pondicherry ausmacht. Es vereint europäische und indische Einflüsse in einer kleinen Stadt am Meer, die versucht einem das Beste aus beiden Welten zu bieten."

Ein sehr beeindruckendes Erlebnis war unser Besuch auf dem Markt in der Nehru Street. Genau genommen ist er neben der Nehru Street, denn geht man durch ein paar kleine unscheinbare Gänge zwischen den internationalen Geschäften der Haupteinkaufsstraße, tritt man in eine völlig andere Welt ein. In den schmalen Gängen des Marktes geht man vorbei an unzähligen kleinen Ständen, wo Händler regionales Obst, Gemüse, Gewürze, Blumen, Küchenwerkzeuge und allerlei Kleinkram verkaufen. Es fühlt sich an, wie eine eigene kleine Welt voller Farben, Gerüche und den Rufen der Händler, die ihre Waren anpreisen.

Gewürze und Linsen auf dem Markt in Pondicherry


Indische Küchengeräte auf dem Markt in Pondicherry


Gemüse auf dem Basar

Hier erlebt man das Indien, auf das ich so gespannt war und ich bin wirklich froh, dass wir über diesen Markt gestolpert sind. Man merkt auch, dass nicht besonders viele Europäer diesen Markt besuchen, da wir, als wir an den Ständen vorbeigegangen sind, wo die für Indien so typischen Blumengirlanden angefertigt wurden, mehrfach von Verkäufern Blumen geschenkt bekommen haben, um sie in unsere Haare zu stecken.

Blumengirlanden auf dem Markt


Blumenmarkt


In dem Hauptgebäude des Ashrams kann man ihr Grab bestaunen, dass täglich mit neuen Blumen geschmückt wird und vor dem Menschen im stillen Gebet knien oder meditieren. In dem ganzen Gebäude und dem angrenzenden Garten darf höchstens geflüstert werden, was diesem Ort eine andächtige und beruhigende Atmosphäre verleiht. Ansonsten bekommt man als Außenstehender leider kaum einen Einblick in das Leben im Ashram.

Strand und Festung von Tranquebar


Tagebucheintrag:

"Ich vergrabe meine Zehen im Sand, während die Wellen gegen meine Knöchel schlagen. Ich schließe die Augen und atme die salzige Luft ein. Es fühlt sich beinahe an wie zu Hause. Doch in Wahrheit bin ich fast 8 000 Kilometer von der Ostsee entfernt, am Golf von Bengalen in Tranquebar, einer ehemaligen dänischen Kolonie. Neben mir am Strand liegen kleine Fischerboote und hinter dem Sandstrand im Gebüsch grasen Kühe neben der alten Dänischen Festung."

Unser letzter Ausflug ging nach Tranquebar, dem Ort, in dem die ersten evangelisch-lutherischen Missionare in Indien angekommen sind. Warum das eine Rolle spielt? Kommt man als Deutscher in eine evangelisch-lutherische Gemeinde in Indien, wird man mit Fragen über Bartholomäus Ziegenbalg und Martin Luther überhäuft. Und da ich hier für die Tamil Evangelical-Lutheran Church arbeite, musste ich mich vorab erst einmal etwas über die beiden informieren, um für Fragen dieser Art gewappnet zu sein.

Allerdings wissen die meisten hier trotzdem noch mehr über die beiden als ich. Vor allem Ziegenbalg wird als eine Art Held gesehen, denn er hat nicht nur missioniert, sondern zum Beispiel auch als erster die Grammatik der tamilischen Sprache aufgeschrieben, konnte auf Tamilisch predigen und hat die Bildung für Mädchen in Tamil Nadu eingeführt.

Es ist irgendwie mal ein ganz schönes Gefühl, wenn einem zur Abwechslung mal Dankbarkeit entgegenströmt, wenn man seine Nationalität verrät und nicht Bemerkungen zu Hitler oder Nazis. Hier wurde mir schon sehr oft gesagt, dass sie sich immer mit Dankbarkeit an uns Deutsche erinnern werden und, dass wir viel für Tamil Nadu getan hätten. Es ist mir, glaube ich, erst zweimal passiert, dass jemand Hitler erwähnt hat, als ich gesagt habe, ich käme aus Deutschland. Allerdings hat Hitler hier nicht so einen üblen Beigeschmack wie anderswo auf der Welt, da in der Schule nur gelehrt wird, dass er Juden verfolgt hat und aufgrund seines Größenwahnsinns den Zweiten Weltkrieg provoziert hat. Es wird nicht weiter ins Detail gegangen.

Privatbus mit Swastika


Zurück zu Tranquebar: Der Ort an sich ist relativ klein und nicht besonders eindrucksvoll. Es gibt zwei nette Hotels, aber wir haben in einer kirchlichen Unterkunft geschlafen, da die zu einem der Projekte gehörte. Ansonsten gibt es die alte dänische Festung, die gerade renoviert wird und einen Besuch wert ist, da man von hier aus einen sehr schönen Blick auf das Meer hat.

Im Zug


In Tranquebar haben wir Mitfreiwillige besucht, da zwei von ihnen an dem Tag Geburtstag hatten. Allerdings ist es unter Christen in Indien verpönt, Alkohol zu trinken und zu rauchen und, dass wir zusammen mit Jungs und Mädchen in einem Raum "gefeiert" haben, ist auch eher auf Unmut gestoßen. Hier gibt es also viele Dinge, die man beachten muss, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Aber wir hatten trotz allem ein sehr schönes Wochenende mit unseren Mitfreiwilligen und konnten zudem noch ihre Projekte besuchen.

Bild aus dem Jungenheim in Tranquebar


Also wird momentan nur eins der vier Gebäude genutzt und die restlichen verkommen langsam. So etwas erlebt man hier häufiger. Es werden einfach Dinge gespendet, ohne vorher zu fragen, ob sie benötigt werden oder ohne die weiteren Kosten zu bedenken. Dadurch wird einiges an gut gemeinten Spenden in den Sand gesetzt, da sich nicht vernünftig erkundigt wird, wo die Spenden gebraucht werden. Zum Beispiel hat eine Organisation mal Schlafmatten für ein Mädchenheim gespendet, dabei fanden die Mädchen ihre gewohnten Reismatten völlig in Ordnung und haben die neuen höchstens einmal benutzt.

Natürlich gibt es hier aber auch viele Spenden, die gezielt dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden. Ohne diese wären nämlich Projekte, wie die, in denen ich arbeite, nicht möglich. Dabei brauchen die Frauen und Kinder diese Anlaufstellen dringend, aber darauf werde ich in meinem nächsten Bericht genauer eingehen.

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