Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Hanno Kabel Bim Bam Lübeck
Mehr Blogs Sonntagsreden Hanno Kabel Bim Bam Lübeck
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:05 08.01.2013

Mir soll niemand was von lautem Glockengeläut vorjammern. Ich habe zwei Jahre in der Innenstadt von Bamberg gewohnt, das Bim-Bam-Bamberg genannt wird. Auch dort stehen viele große Kirchen auf engem Raum, und weil sie fast alle katholisch sind, läuten sie nicht nur sonntags am Morgen und auch nicht erst um acht.

Mir soll niemand was von der Bedeutung der Kirche für unsere Gesellschaft erzählen. Ich bin mein Leben lang ihr Mitglied und arbeite ehrenamtlich für sie. Sie liegt mir am Herzen. So sehr, dass ich sie befreien möchte: aus der Gefangenschaft der Tradition, aus der fürsorglichen Umklammerung des Staates und aus dem lauwarmen Bad des öffentlichen Zuspruchs.

Unsere Kultursenatorin Annette Borns hat einen leichten Schlaf. Dafür kann sie nichts. Sie hat sich bei Facebook verhauen. (http://www.ln-online.de/nachrichten/3264946/luebecks-kultursenatorin-klagt-ueber-zu-laute-kirchenglocken). Dafür hat sie teuer bezahlt. Sie hat die öffentliche Diskussion über das Glockengeläut sicher nicht gewollt. Aber man kann sie führen.

Das Glockenläuten, urteilte das Bundesverwaltungsgericht 1983, wurzle im öffentlichen Recht. Die Kirchengemeinde nehme als Körperschaft des öffentlichen Rechts hoheitliche Funktionen wahr. Wie bitte? Bim-Bam am Sonntagmorgen als hoheitliche Aufgabe? Darauf berufen sich nicht mal Kirchenleute und CDU-Politiker, wenn sie es verteidigen. Sie reden lieber von der "christlichen Tradition". Das ist aber auch kein gutes Argument. Mit der christlichen Tradition könnte man auch die Unterdrückung der Frauen, den Antisemitismus, die Prügelstrafe für Kinder und eine obrigkeitshörige Staatskirche begründen. Schlechte Traditionen schafft man ab; gute Traditionen behält man, weil sie gut sind, nicht, weil sie Tradition sind.

Die kirchenferneren unter den Politikern sprechen lieber vom Weltkulturerbe als von der christlichen Tradition. Auch das ist kein gutes Argument. Niemand würde Lübeck den Status des Welterbes aberkennen, wenn die Glocken am Sonntag erst um neun läuteten oder nur zum Beginn des Gottesdienstes.

Ich finde das Glockengeläut schön, weil es den Unterschied zwischen Sonntag und Alltag bezeichnet und eine feierliche Stimmung über die Stadt legt. Viele, ob ausgesprochene Christen oder nicht, scheinen das genauso zu empfinden. Das ist der beste Grund dafür, das Läuten beizubehalten. Ich verlange aber kein kirchliches Sonderrecht auf den öffentlichen Raum. Sollte die Mehrheit der Bürger das Glockengeläut als Lärm empfinden: Dann wäre auch ich dafür, dass die Kirchen stumm blieben, Tradition hin, Weltkulturerbe her.

Dafür gibt es zum Glück keine Anzeichen. Frau Borns wird sich was in die Ohren stopfen müssen.

Hanno Kabel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige