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Hanno Kabel Ich, Heinrich Heine
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14:58 21.06.2011
Lübeck

Als Student auf einer malerischen Dachterrasse im Unesco-Welterbe der Altstadt von Bamberg (ja, meine Lübecker, es gab in meinem Leben schon andere Lieben) habe ich mich einmal zu einem Psycho-Spiel überreden lassen. Auf einem der Kärtchen stand: "Steht gern im Mittelpunkt", ich war dran, und jeder Teilnehmer musste einen Wert zwischen 0 und 10 eingeben, der auf mich zuträfe.

Die anderen schätzten mich auf 2 bis 3. Ich selbst auf 8, und das war noch untertrieben.

Alle denken, ich sei bescheiden, aber in Wahrheit bin ich eine Rampensau. Ich will, dass man mich sieht! Ich will, dass man mich liebt! Ich will, dass Mädchen in Ohnmacht fallen, wenn ich "Hallo!" ins Mikrofon hauche! Was glaubt ihr, warum ich Journalist geworden bin? Warum ich dieses Blog führe? Um das Volk aufzuklären etwa? Ihr Träumer! Meine Arbeit ist ein einziger Schrei nach Aufmerksamkeit, nach Verehrung, ja, nach Ruhm!

Gestern habe ich vor der Petrikirche die Reihe "Vorlesen am Abend" eröffnet. Ein Fest für mein Ego. Wieder habe ich den alten Trick angewendet, mit Bescheidenheit meinen Geltungsdrang zu kaschieren. Ich las keinen eigenen Text vor, sondern einen Text von Heinrich Heine . Ach, der Kabel, sollten die Leute denken, der ist doch ein feiner Mensch: Selbst so ein begabter Schreiber, aber wenn er auf der Bühne steht, dann lässt er dem alten Klassiker höflich den Vortritt!

Hier ist die Wahrheit: Heinrich Heine ist seit 155 Jahren tot. Was schert es ihn, ob ich höflich bin? Was schert es mich, was es ihn schert? Er war ein guter Dichter, ja. Er war besser als ich, ja. Er war sogar viel besser, unermesslich viel besser als ich je sein werde, ja, verdammt noch mal! Dafür muss er bezahlen. Seine Rechte sind erloschen. Er gehört mir so gut wie jedem anderen. Ich ziehe mir seinen Text an wie ein Kostüm. 20 Minuten lang unterhalte ich mein Publikum mit der Illusion, ich sei so witzig, so philosophisch, so poetisch und so klug wie Heinrich Heine.

Mit viel Glück glaube ich es für die Dauer eines Wimpernschlags sogar selber.

P. S.

Nach mir las Jasmina Lihring, ein ernstes, kluges Mädchen von 16 Jahren, einen Text über die Entstehung eines jugendlichen Gewaltexzesses vor. Ein schwer verdaulicher Text, kein Bühnenkracher. Sie trat leise auf, selbstbewusst und bescheiden.

Hanno Kabel

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