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Sabine Latzel Darstellendes Spiel
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22:45 16.12.2017

Es spielt keine Rolle, ob du einen 50-Meter-Pass hinbekommst. Ballannahme, Technik, Übersicht, das kannst du alles vergessen. Entscheidend ist, dass du darstellerisch auf der Höhe bist.

Schauspiel auf dem Platz, darum geht es. Das ist die Kunst. Ein sterbender Schwan an der Außenlinie, ein hinkender Kranich im Strafraum oder sonst ein Vogel in misslicher Lage, eine deprimierte Trottellumme vielleicht, das muss man alles im Repertoire haben. Wichtig ist, dass der Schiedsrichter guckt und es einigermaßen gut aussieht.

Es gibt Großmeister des Fachs, oh ja. Boninsegna und Hölzenbein sind gesegnete Namen, von denen man spricht, wie kleine Mädchen von Einhörnern sprechen oder große USPräsidenten von einer Mauer an der Grenze zu Mexiko.

Sie haben dramatische Szenen abgeliefert, schwerste Verletzungen nach der Kollision mit einem Nichts, die nach dem Pfiff mit dem Nichts wieder im Nichts verschwanden. Spontanheilungen waren das, unheimlich und nicht zu erklären. Es waren dunkle Mächte im Spiel. Es war Gottes Werk und Hölzenbeins Beitrag.

Oder Norbert Meier in der 2005er Inszenierung mit Albert Streit. Ein Kopfstoß, der keiner war, zwei Stürzende, die zum Stürzen keinen Grund hatten. Aber wie sie aus dieser im Grunde banalen Alltagssituation eine der stilbildenden Choreografien unserer Zeit schufen, das bewegte sich zwischen Godot und Ohgott und wird in Lee Strasbergs Actor’s Studio heute noch gelehrt, wenn keiner aufpasst.

Und es ist Nachwuchs in Sicht. Timo Werner etwa hat gute Ansätze, Münchens Vidal zeigt ansatzlos eingesprungene Doppelschwalben. Und wenn Kyriakos Papadopoulos vom HSV sein Level hält, kann er irgendwann zu den ganz Großen gehören. Da zeichnet sich eine Begabung ab, einer, der alle Anlagen hat. Hinter der Linie gefoult werden, dann zurück auf den Platz taumeln und sich Körperteile halten, die es gar nicht gibt – das ist Drama, Baby, großes Drama. Das ist eine Absage an Ursache und Wirkung, ohnehin ja ein völlig überholtes Prinzip. Und dann fliegen sie wieder und leiden, und dann steht man da und sieht betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. Und wartet auf den Pfiff.

LN

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