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Sabine Latzel Haltlos auf dem Platz
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22:30 03.03.2018

Früher begann der Tag mit einer Schusswunde, sagt der Dichter. Und früher gab es im Winter in der ersten Bundesliga auch noch richtige Spielausfälle.

Das war zu Zeiten, als Ernst Huberty wachhabender Moderator in der „Sportschau“ war und Acatenango Galopper des Jahres wurde, immer nur Acatenango. Es ist also schon eine Weile her. Heute haben sie Rasenheizung in den Stadien, durch deren Leitungen auf 95 Grad temperierter Champagner fließt. Der Ball wird psychologisch vom diplomierten Rundobjekt-Therapeuten auf den Einsatz vorbereitet, und der Spielerberater lässt sich noch einen dritten Nerzmantel bringen, man weiß ja nie.

Winter in Zeiten, in denen Fußballer so viel kosten wie ein Kreiskrankenhaus, ist keiner mehr.

In den unteren Klassen aber ist er es noch sehr wohl, früher jedenfalls. Da wurde ein Meter Schnee auf dem Platz einfach wegignoriert. Da wurde geguckt, ob irgendwo ein roter Ball aufzutreiben war, sonst fuhr der Vorstopper kurz nach Hause, weil er noch einen Rest Ölfarbe in der Garage stehen hatte. Und dann ging es raus auf das gefrorene Geläuf.

Vorher musste man sich noch für Turn- oder Stollenschuhe entscheiden. Das war ungefähr so wie die Wahl zwischen einer oder zwei Schusswunden am Morgen, also keine wirkliche Alternative. Aber im Grunde war es auch egal, weil man so oder so haltlos übers Spielfeld glitt.

Stürze sahen nicht nur physikalisch spektakulär aus, sie standen später manchmal auch im Pschyrembel. Bälle aus kurzer Distanz aufs Ohr kamen einem wie ein glatter Durchschuss vor. Bei 14:0-Spielen wurde der beschäftigungslose Torwart nach dem Abpfiff vorsichtig in die Kabine getragen, damit er nicht auseinander brach. Und draußen am Spielfeldrand stand der Betreuer mit offener Jacke und wusste auch sonst nicht, was all das weiße Puderzeug hier sollte.

In der Sportlerkneipe hatte sich aus dem Schnee und Matsch inzwischen eine schöne Seenplatte auf dem Fußboden gebildet. Das Wasser schillerte braun und schwarz, und wenn man Glück hatte, wurden darin die schönsten Stürze der vergangenen 90 Minuten nachgestellt. Die Jury an der Theke vergab dann Punkte für den künstlerischen Ausdruck, und die Leute mit dem Champagnerleitungen und den Nerzmänteln würden das alles gar nicht verstehen.

LN

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