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TV-Vorschau Deniz Yücel und die National-Populistische Welle
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18:14 21.02.2018
Lübeck

Das Regime behandelt die Medien konsequent mit wenig Rechtsstaatlichkeit, aber viel Diktatur. Auf welcher Seite die AfD da steht, ließ deren Sprecher Jörg Meuthen den Feind („Tagesschau“) am Abend drauf wissen. Er hoffe, Yücel sei „in der Haft zur Besinnung gekommen“. Der nervigen Pressefreiheit abzuschwören nämlich, schwang in der kruden Aussage mit, und sich endlich zu Führer, Volk und Vaterland zu bekennen.

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Im Angesicht dessen, steht alles, wirklich alles, was vorige Woche medial von Bedeutung war, voll und ganz im Schatten der national-populistischen Welle, die gerade über Europa hinweg rollt. Dass die Neuauflage von Bastian Pastewka als Bastian Pastewka bei Amazon Prime zum Beispiel mehr Schleichwerbung enthält als zehn Staffeln Heidi Klum als Heidi Klum – egal. Dass sich für Anne Wills Talkshow am Abend vorm Rosenmontag keine Gäste fanden, weil nun mal Rosenmontag war– völlig wumpe. Dass Claudia Neumann am Mittwoch als erste Frau ein ZDF-Spiel der Champions League kommentiert und dafür männlicherseits den üblichen Shitstorm geerntet hat – ach komm…

Selbst, dass Olympia-Reporter dauernd investigative Fragen à la „wie glücklich sind Sie nach der sensationellen Goldmedaille?“ stellen und wie der ARD-Ethnologe Wilfried Hark ein Biathlon-Rennen „rassig“ nennen, obwohl dabei weder „Kaffer“ noch „Neger“ oder „Schlitzaugen“ mitmachen – im Vergleich zur anhaltenden Gefahr für die Demokratie auch fast einerlei. Trotzdem muss es ja weitergehen, darf es auch. Sogar mit Belanglosigkeiten im linearen Fernsehprogramm. Die haben ja durchaus ihre Berechtigung. Irgendwie. Manchmal.

Obwohl – wenn die ARD am Donnerstag zur besten Sendezeit den künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig irrelevanten ESC-Vorentscheid überträgt und das ZDF zugleich mit großem Trara die künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig belanglose Verleihung der Goldenen Kamera, während die künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig bedeutsamere Verleihung der Goldenen Bären zwei Tage später (19 Uhr) zu 3sat abgeschoben wird – dann sind da doch ganz schön viele Koordinaten bedenklich verschoben.

Um das zu verstehen, hilft es ungemein, sich Dominik Grafs klugen Essay „Verfluchte Liebe deutscher Film“ anzusehen, der allerdings leider nicht bei ARZDF läuft, sondern heute um 23.20 Uhr beim WDR. Deutschlands wichtigster Regisseur beleuchtet darin eindrücklich, wie der süffige Nachkriegsheimatfilm erst zum sperrigen Autorenfilm radikalisiert wurde, um dank mehrerer Konterrevolutionen im „Traumschiff“ abzusaufen. Hoffentlich wird Dominik Graf so alt, um in zwei, drei Jahrzehnten auf unsere Gegenwart zurückzublicken.

Ein Zeitalter, dessen Zeitgeist einzig jene Streaming-Dienste prägen, die es vor zwei, drei Jahren noch gar nicht gab. In der ARD gibt‘s dagegen zwar honorige Tierdokus wie „Der blaue Planet“ (montags, 20.15 Uhr) oder den gewohnt sehenswerten Mittwochsfilm „Fremder Feind“ – ein wirklich sehenswertes Freiluftkammerspiel mit Ulrich Matthes als Vater, der den Tod seines Sohnes beim Afghanistan-Einsatz beim Feldzug gegen einen Unsichtbaren kompensiert, der sein selbsterwähltes Asyl auf einer Bergalm terrorisiert.

Doch selbst dieses Schmuckstück des Primetime-Fernsehens (Regie: Rick Ostermann, Buch: Hannah Hollinger) täuscht nicht darüber hinweg, dass die entscheidenden Formate der Woche bei Netflix laufen. „7 Seconds“ zum Beispiel spielt die regelmäßigen Aufstände, mit denen sich Afroamerikaner gegen die rassistische Mehrheitsgesellschaft der USA erheben, ab Freitag in einer spektakulären US-Serie durch. Zugleich startet „Mute“, der eigenproduzierte Spielfilm des Kinovisionärs Duncan Jones („Moon“). Im Berlin des Jahrs 2052 gerät der stumme Barkeeper Leo (Alexander Skarsgård) bei der Suche nach seiner verschwundenen Freundin in die abgründige Unterwelt einer dystopischen Großstadt.

Und im alten Fernsehen? Zeigt ZDFinfo am Mittwoch den interessanten Dokumentarvierteiler „Von der Keule zur Rakete. Geschichte der Gewalt“, während die Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele Sonntagmittag (ZDF/Eurosport) wieder Platz schafft für fiktionales Programm – wie die „Wiederholungen der Woche“. Heute um 23.55 Uhr schwarzweiß auf Arte und eigens für die Berlinale restauriert: „Das alte Gesetz“, ein Ufa-Klassiker von 1923 über den Antisemitismus der Zwischenkriegszeit. 90 Minuten früher im ZDF zu sehen, aber 90 Jahre jünger und äußerst futuristisch – das ästhetische Weltraumdrama „Gravity“ mit wenig Wort und viel Wirkung, Sandra Bullock und George Clooney. Im Alt-„Tatort“ „Verbrannt“ verabschieden sich Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller, nachdem sie 2015 (Dienstag, 22 Uhr, NDR) den wahren Fall eines verbrannten Asylbewerbers in Dessauer Polizeigewahrsam – der neuen Erkenntnissen zufolge tatsächlich ermordet worden sein könnte – fiktionalisiert haben.

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