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TV-Vorschau Die Woche der Enthüllungen
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15:35 07.01.2018
„Fire and Fury“ vom Enthüllungsjournalisten Michael Wolff ist jetzt ganz offiziell im Buchhandel erhältlich.  Quelle: dpa

Jetzt also auch Deutschland, jetzt also auch das Fernsehen, jetzt also auch hier ein Name: Dieter Wedel. Dass die Unzahl missbrauchter Frauen im Kulturbetrieb bislang keinen der fraglos zahlreichen Grabscher, Vergewaltiger, Rangausnutzer konkret benennen konnte/wollte/durfte, grenzte ja fast schon an Strafvereitelung ohne Amt. 

Wenn mit dem wichtigsten TV-Regisseur des späten 20. Jahrhunderts nun aber endlich der erste mutmaßliche Sexualstraftäter am Pranger steht, bleibt aber dennoch ein anderes Opfer auf der Strecke: Die Unschuldsvermutung. Mit ihr darf ein Filmfürst, der ganz offen – und unübersehbar mackerstolz – mit zwei Frauen zugleich liiert ist, seit der Enthüllungsgeschichte de facto nicht mehr rechnen, obwohl er die Vorwürfe betroffener Frauen energisch bestreitet. Dieses Dilemma wird sich – gerade im oberflächensüchtigen Showbiz – nie ganz auflösen. Denn wenn die einst sprachlosen Opfer männlicher Allmachtsphantasien bis zu deren gerichtsfester Verurteilung warten, könnte die #MeToo-Debatte hierzulande anders als in den USA ohne Namen versanden.

Das wäre in einer Zeit, die den – ebenso unüberhörbar mackerstolzen Pussy-Grabber – Donald J. Trump ins Weiße Haus gespült hat, eine Katastrophe. Die Abrechnung „Fire and Fury“ des Enthüllungsjournalisten Michael Wolff, ab morgen ganz offiziell im Buchhandel, mag den Präsidenten währenddessen zwar als bildungsfernen Rotzlöffel im höchsten Amt der Welt brandmarken; dass er Frauen sehr selbstbewusst als willenlose Sexobjekte betrachtet, würde seinen Siegeszug wohl auch heute kaum stoppen. Im Gegenteil.

Das zeigt einmal mehr, wie nah wir der sexistisch-prüden Nachkriegszeit noch immer sind. Und womöglich erklärt es auch ein bisschen besser, warum sich das Publikum fiktional so unverdrossen nach dieser Epoche sehnt, in der das Machtgefälle zwischen Mann und Frau noch klar war wie die damals übliche Kloßbrühe überm Sonntagsbraten. Der nächste Beleg dieser seltsamen Hinwendung zur Ära des sozialen Biedermeier heißt „Tannbach“. Bräsig untertitelt wird dieses „Schicksal eines Dorfes“, durch das Anfang der Fünfziger plötzlich die deutsch-deutsche Grenze verlief, drei Jahre nach der 1. Staffel heute, morgen, Donnerstag zur Zeit des Mauerbaus fortgesetzt. Und wieder bündelt das ZDF alles, was öffentlich-rechtliches Historytainment so erfolgreich macht. Und so furchtbar.

Viele Stars, fettes Budget, tolle Kulissen nämlich plus klischeehafte Figurenzeichnung, dramaturgische Schlichtheit und saftiges Pathos. Deshalb beginnt diese Kolumne 2018 gleich mal mit einem ärztlichen Rat: Schaltet! Nicht! Ein! Nehmt den Öffentlich-Rechtlichen durch gezielte Quotensenkung die Rechtfertigung zum Verfassen solcher Schundromane am Bildschirm! Guckt lieber irgendwas! Wenn’s sein muss, die Privaten. Von denen verstärkt Pro7 heute den Kinotrend im Fernsehen, sich nichts Neues mehr auszudenken, sondern das Alte auszuschlachten wie einst Bisons in der Prärie: Um 20.45 Uhr erzählt „Young Sheldon“ die Kindheit des größten Stars der Sitcom „The Big Bang Theory“, was zwar wohlfeil ist, aber erfolgsversprechend.

Ein Attribut, das der ARD-Mittwochsfilm selbst dann verdient, wenn er die sozialen Schieflagen unserer Gesellschaft skizziert. Das macht in dieser Woche auch „Herrgott für Anfänger“. Die Culture-Clash-Komödie um den unreligiösen Deutsch-Türken Musa (Deniz Cooper), der vor die Wahl gestellt wird, aus Liebe zum Islam oder fürs Geld zum Christentum zu konvertieren, gerät dabei allerdings nicht nur erfrischend heiter, sondern frei von jener Peinlichkeit, die das Genre ansonsten kennzeichnet.

Weniger leicht als realistisch schildert Didier Martinys französische Dokumentation „Christen in der arabischen Welt“ am Dienstag um 20.15 Uhr auf Arte, wie kompliziert die Frage der richtigen Religion am falschen Ort sein kann. Ein Thema, aus dem Black Sabbatheinen Sound gemacht hat, der 1969 den Grundstein des Heavy Metal gelegt hat. Arte begleitet die popsatanistische Band am Freitag (21.45 Uhr) – zeitgleich zur Übertragung des Bundesligarückrundauftakts der Bayern in Leverkusen beim ZDF – auf ihrer letztjährigen Abschiedstour. Und weil es ansonsten zum Jahresbeginn nicht so viel anzukündigen gibt, geht es gleich mit den „Wiederholungen der Woche“ weiter. In schwarzweiß: „Leben im Schloss“, ein französischer Film von 1966, in dem es um eine vergnügliche Vierecksbeziehung unter Feinden kurz vor der alliierten Landung in der Normandie geht.

In Farbe gibt es diesmal mehr zu empfehlen: Zunächst Sylvester Stallone als „Rocky“ von 1976, Dienstag um 20.15 Uhr auf Nitro, tags drauf gefolgt vom 2. Teil. Alexander Paynes Weinkenner-Komödie „Sideways“ zeigt dann morgen zur gleichen Zeit, dass es 2004 tatsächlich noch erfolgreiche Dialogfilme ohne Superhelden oder Automutanten gab, die nichts Bestehendes fortsetzen. Innovativ war fünf Jahre später auch „Avatar“ (Donnerstag, 20.15 Uhr, Vox) – und zwar nicht nur, weil James Camerons Fantasysozialdrama den 3D-Boom ausgelöst hat. Der SciFi-Trash „Flash Gordon“ (Freitag 0.00 Uhr, HR) war dagegen 1980 ebenso unvergleichlich bizarr wie heute. Wohingegen das hessische „Tatort“-Recycling „Der Tag des Jägers“ von 2006 (Mittwoch, 21 Uhr, HR) eher das deutsche Spießbürgertum durchleuchtet hat, also auf ganz eigene Art absurd war.

Jan Freitag

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