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TV-Vorschau AKKs karnevalesker Tritt in den Schritt des dritten Geschlechts
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09:39 11.03.2019
Annegret Kramp-Karrenbauer steht vor dem Stockacher Narrengericht. Quelle: action press
Lübeck

Trotzdem sollte man die Kirche angesichts von Annegret Kramp-Karrenbauers karnevaleskem Tritt in den Schritt des dritten Geschlechts mal im Dorf lassen.

Was die Öffentlichkeit da nämlich kurz vorm „Brennpunkt“ zum Sieden brachte, war weder ausgesprochen bösartig noch kreativ, sondern bloß die Schleimspur, auf der bürgerlicher Anstand gerade dem populistischen Herdentrieb entgegenschlittert. Ein Herdentrieb, der auch dafür sorgt, dass alle Medien vom Mordfall der armen Rebecca berichten, als bestünde der größere Skandal unserer Tage nicht darin, wie unser Konsumverhalten Kindern wie ihr bei vollem Verstand den Planeten verwüstet. Und zwar so unverdrossen, dass sie womöglich Umweltflüchtlinge von morgen sind, die dann andernorts untergebuttert, abgeschoben, lächerlich gemacht werden.

Fünf Stunden lang Roland Kaiser

In diesem Sinne könnte man den Samstagabend empfehlen, an dem das Erste ab 20.15 Uhr fünf Stunden lang Roland Kaiser huldigt. In seinem Metier ist der Schlagerstar schließlich fast der einzige, der sich offen gegen rechte Hetze positioniert und damit Einnahmen gefährdet. Aber so weit, einen geselligen Abend mit Florian Silbereisen zu bewerben, wollen wir hier dann doch nicht gehen. Wovon bei aller Güte allerdings sogar strikt abzuraten ist, ist die Dauerwerbesendung „Das Ding des Jahres“ auf Pro7. Frauen erfinden da Accessoires und Lifestyle, Männer Maschinen und Technik, gewählt wird, was dämlich ist wie selbstkühlende Biergläser, und die Jury stellt nie, nie, nie Fragen zu Nachhaltigkeit, Sexismus oder tieferem Sinn, sondern ausschließlich nach Preis, Markt, Rendite.

Ab Dienstag gibt‘s um 20.15 Uhr also wieder Fernsehen für die Generation sorglos, der vorigen Montag einer der populärsten Darsteller verloren ging: Luke Perry, in den Neunzigern Superstar der hartnäckig unpolitischen Teeny-Serie „Beverly Hills, 90210“, ist an einem Schlaganfall verstorben. Aus derselben Epoche stammt etwas, das ein Kanal, der mit „Music Television“ übersetzt wurde, bevor er nur noch Seifenopern zeigte, nach fast 25 Jahren Pause aus der eigenen Versenkung zerrt: „Yo! MTV Raps“. Ende der 80er für die Popkultur, was man heute Influencer nennen würde, erweckt Palina Rojinski das HipHop-Magazin ab Samstag auf einem Sender zum Leben, dessen Fortbestand fast noch mehr überrascht als die Moderatorin.

Auch fiktionale Unterhaltung im Angebot

Ob die Show zwischen Hyperkommerz des Sprechgesangs und Abspielstationen wie Spotify bestehen kann, wird sich zeigen, aber es wäre ihr echt zu wünschen. Aus der MTV-Phase zwischen Kommerzialisierung und Bedeutungslosigkeit stammt auch eine Band, die Neflix am Freitag in der Doku „The Dirt“ porträtiert: Mötley Crüe. Nicht nur für Metal-Fans sehenswert. Zumindest für Testosteron-Fans lohnend ist ab heute die zweite Staffel der Superhelden-Serie „American Gods“ auf Prime-Video. Ebenfalls computeranimiert, doch dabei auf menschliche Art anzüglich: die 18-teilige Netflix-Anthologie „Love, Death & Robots“ um eine Schar künstlicher Kreaturen, deren wildes Treiben am Freitag eine Altersfreigabe ab 18 nach sich gezogen hat.

Davon kann beim Achtteiler „Turn up Charlie“ auf gleichem Kanal zur selben Zeit nie die Rede sein. Die Coming-of-Age-Story eines amerikanischen Nesthockers ist absolut harmlos und dabei recht lustig. Gar nicht lustig ist, was die ARD in ihrer Montagsdokumentation „Die Akte BND“ 90 Minuten ab 22.45 Uhr aufdeckt: In welcher Kaltschnäuzigkeit der deutsche Geheimdienst weltweit in unmoralische Waffendeals verstrickt ist. Dass diese Art der Enthüllung politische Folgen hat, darf bezweifelt werden. Sie zeigt aber, wie wichtig öffentlich-rechtliche Recherchen sind. Dazu gehört allerdings auch fiktionale Unterhaltung – auch wenn die sich gut mit Relevanz anreichern lässt.

Arte etwa porträtiert heute im Rahmen seiner Reihe über starke Frauen Danielle Darrieux und zeigt vorweg – als schwarzweiße „Wiederholungen der Woche“ – zwei Klassiker der französischen Kino-Legende: „Madame de…“ (1953) sowie „Diebe und Liebe“ (1940). Am Mittwoch widmet sich Kabel1 einem Mann, der anfangs Testosteron versprühte, dann aber geläutert schien: Clint Eastwood. Schon alt und bedeutsam ist er um 20.15 Uhr in „Ein wahres Verbrechen“ (1999) zu sehen, noch jung und unterhaltsam in „Dirty Harry“ (1971), bereits reif, aber bedeutungslos in „Dirty Harry V“ (1988). Aber vielleicht lehnen wir uns parallel im MDR auch einfach zurück und erfreuen uns um 22.10 Uhr an Nora Tschirners und Christian Ulmens zweitem „Tatort: Der Irre Iwan“ von 2014.

Jan Freitag

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