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TV-Vorschau Fernsehhumor ohne Wagemut
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12:06 17.12.2018
Abschied: Am Dienstag und Mittwoch laufen um 22 Uhr die letzten Folgen von „Der Tatortreiniger“ im NDR. Quelle: NDR/Thorsten Jander
Lübeck

Man muss selbst den Boulevard-Medien daher ein Lob aussprechen, wie zurückhaltend sie den finalen Amoklauf eines Gescheiterten verarbeitet haben, dessen Glaubensbekenntnis so glaubhaft war wie das Lippenbekenntnis der Industriestaaten, das Klima zu retten.

Darüber übrigens wurde jenseits ausgewählter Qualitätsmedien nicht annähernd genug berichtet – obwohl es vorige Woche weit mehr ums Ganze ging als in jeder News über Bahntarifverhandlungen oder Parteiführungswahlen. Um mehr auch als etwa die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zur deutschen Rundfunkgebühr. Trotzdem war es bahnbrechend, was der EuGH zu einem Klärungsgesuch des Landgerichts Tübingen geurteilt hat. Dass die Abgabe fürs öffentlich-rechtliche Programmangebot rechtens ist, sorgt nämlich auch weiterhin dafür, dass Informationen im gesellschaftlichen Diskurs von kompetenter, aufrichtiger, ausgewogener Stelle sortiert, gewichtet, verbreitet werden.

Realitätsverdrängung von ProSieben

Wenn es ARD und ZDF, Phoenix oder 3sat nicht gäbe, würde das kommerzielle Angebot ja vor allem über Scoops wie diesen berichten: Micaela Schäfer hat der unmissverständlichen Dating-Seite „poppen.de“ ein Interview gegeben, in dem die frühere Dschungelcamp-Insassin mit exhibitionistischem Hang einräumt, total auf ältere Männer, aber nicht so sehr auf krasse Ort beim Geschlechtsakt zu stehen. Wahnsinn! „ProSieben Newstime“: wo bitte bleibt da die Homestory!? Na ja, fragen wir da doch einfach Annemarie Carpendale, geb. Warnkross.

Wenn dieser Tage die großen Jahresrückblicke beginnen, wenn die ARD am Montag um 22.45 Uhr streng politisch auf die fast vergangenen zwölf Monate zurückblickt oder Markus Lanz am Donnerstag im ZDF tendenziell gefühliger auf „Menschen 2018“, zeigt uns die stets luftig bekleidete Schlagerstarsohn-Gattin den Relevanzhammer und moderiert am Mittwoch um 20.15 Uhr „red. 2018“, aka „Der große Jahresrückblick der Stars“. Die Realitätsverdrängung von ProSieben ist dabei allerdings weniger interessant als die Frage, ob die drollige Annemarie ihr japanisches Teenagerporno-Outfit dabei wieder so kurz trägt, dass man den Schlüpfer sieht oder nicht…

Trauriges Ende des „Tatortreinigers“

Aber genug vom Fernsehen der dümmsten Art, mehr vom Fernsehen der allerbesten – verbunden mit einer traurigen Mitteilung: Dienstag und Mittwoch laufen jeweils um 22 Uhr die letzten vier von insgesamt 31 Folgen „Der Tatortreiniger“ im NDR. Gewiss – auch Bjarne Mädel als bauernschlaue, bauchweise, kiezkluge Endreinigungskraft ultimativer Verbrechen ist langsam auserzählt. Die Autorin Mizzy Meyer schafft es aber noch immer, das gewöhnliche Niveau hiesiger Komödien auf kurzer Distanz um Längen zu überbieten. Dafür auf ewig danke Mizzy, Bjarne, Arne Feldhusen.

Was den Fernsehhumor hierzulande sonst so kennzeichnet, lässt sich am Montagabend um 20.15 Uhr gut im ZDF beobachten. Als verschuldeter Ex-Journalist, der vom Arbeitsamt auf Lehrer umgeschult wird, agiert Axel Prahl in „Extraklasse“ zwar grundsolide am Rand des Lustigen. Doch Innovation, Wagemut, gar Experimentierfreude? Fehlanzeige! Aber gut, vielen reicht am Feierabend einfach arglose Unterhaltung mit Niveau. Die haben auch Christian Tramitz und Helmfried von Lüttichau im Rahmen des Schmunzelkrimi-Möglichen seit 2011 sieben Staffeln lang durchaus geliefert.

Finale der Bundesliga-Hinrunde ohne Bayern

Am Mittwoch nun nimmt letzterer Abschied von ersterem, wofür das Erste beiden ein Serienspecial „Huber und Staller“ schenkt. Parallel startet Sky das Vorweihnachtshighlight: In der Showtime-Serie „Escape at Dannemora“ inszeniert Produzent Ben Stiller mit Benicio Del Torro und Patricia Arquette ein Ausbruchsdrama nach wahren Motiven, das mehr tut, als Testosteron zu verspritzen. Passend dazu ein Fußballtipp: Freitag läuft das Finale der Bundesliga-Hinrunde mit Bayern gegen – Moment; die sind ja gar nicht Herbstmeister. Unter großen Schmerzen muss das ZDF daher Dortmund vs. Gladbach zeigen und seinem Prinzip vollumfänglichen Sponsorings für den Rekordmeister kurz abschwören.

Auch die „Wiederholung der Woche“ spielt auf Gras. Wobei Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ (Montag, 20.15 Uhr, Nitro) 2003 für Fans ein dufter Kostümfilm war, für Spötter die vorletzte Nachkriegsfiktionalisierung, in der Nazis im Umfeld unpolitischer Mitläufer noch Ausnahmen sein durften.

Alte Krimis sind noch immer bestechend

Schwarzweiß wiederholt wird Donnerstag (20.15 Uhr) „Der Fremde im Zug“ auf Arte, ein Frühwerk Alfred Hitchcocks, dass auch 67 Jahre nach der Premiere mit kriminalistischer Kammerspielatmosphäre besticht. Aus heutiger Sicht nur unwesentlich jünger ist da der „Tatort“-Tipp „Das Mädchen von gegenüber“ (Dienstag, 23.35 Uhr, WDR) vom Dezember 1977 mit Hansjörg Felmy und dem damals noch relativ unbekannten Jürgen Prochnow.

Jan Freitag

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