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Tatort-Blitzkritik Brutalität und Poesie
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21:45 25.02.2018
Kiel

Sie ist als Famke Oejen, Bewohnerin der (imaginären) Nordseeinsel Suunholt, eine Grenzgängerin zwischen Außenseitertum und Wahnsinn. Dass Kommissar Klaus Borowski am Ende in einem mehr therapeutischen als verhörmäßigen Gespräch erkennt, dass sie verantwortlich ist für den Badewannen-Tod ihres Geliebten, das rundet einen Krimi ab, der nicht von kühlen Ermittlungen, sondern von Ahnungen und Nachforschungen im Unterbewussten lebt.

Axel Milberg als Borowski behauptet sich neben der faszinierenden Erscheinung Famke Oejen mit seinen eigenen Mitteln: wortkarg, überwiegend schlecht gelaunt, aber hellwach. Neben diesem fabelhaften Paar glänzt eine weitere Frauenfigur als radikales Gegenmodell zur rätselhaften Famke: Anna Schimrigk als sehr diesseitige, rationale Polizistin Schütz. Ein belebender Sidekick für den grimmigen Kommissar.

Borowski bewegt sich in dieser Folge im einem Zwischenreich von brutalster Kriminalität – zwei Gangster werfen einen Bauern den Schweinen zum Fraß vor – und Poesie. Er darf sehr feinfühlig ein paar Verse von Bertold Brecht rezitieren und damit Famke, die in diesem Moment nicht über jeden Verdacht erhaben ist, unangemessen nahe kommen. Dass der Mann, dessen Tod er untersuchen soll, ein untergetauchter korrupter Bauamtsleiter aus Kiel ist, ist fast zu banal für die abgründige Atmosphäre, die der Kommissar auf Suunholt antrifft.

Die Bilder, die Regisseur Sven Bohse für seine Geschichte findet, sind ausdrucksstark, selbst noch bei miesem Wetter. Doch er und seine Drehbuchautoren Peter Bender und Ben Braeunlich haben leider etwas zu viel Kunst in den Plot hineingestopft: Famke flüstert Sätze aus Theodor Storms Novelle „Eine Halligfahrt“, in der der Mythos von der untergegangenen Stadt Rungholt beschworen wird, die Zitate schwirren Borowski durch den Kopf. Dazu orakelt eine religiöse Eiferin, dass die Inselbewohner für die Todsünden Wollust und Gier bestraft würden. Das überfrachtet diesen an effektvollen Andeutungen und symbolträchtigen Einstellungen reichen „Tatort“. Und dass die Erwähnung des Husumer Dichters Storm flankiert wird vom Doors-Song „Riders on the Storm“, darf man als albernen Einfall betrachten.

Am Schluss, als wir Borowski wieder im nüchternen Kiel erleben, weiß man nicht so recht: War da nun Mord, Totschlag oder doch ein Unfall bei einer riskanten Sexualpraktik in der Badewanne im Spiel? Und kommt die mutmaßliche Täterin vor Gericht? Oder bleibt die Ursache für den Tod ihres Geliebten unter einer von Borowski gnädig ausgebreiteten Decke? Wir erfahren es nicht.

Michael Berger

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