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Tatort-Blitzkritik Jakob, der Lügner
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21:45 04.11.2018
Tatort Quelle: hfr
Lübeck/Stuttgart

Schon wieder ein außergewöhnlicher „Tatort“. Eigentlich haben die Verantwortlichen bei der ARD ja empfohlen, mit Abweichungen vom leicht nachvollziehbaren Erzählen sparsamer zu sein. Doch Regisseuren und Drehbuchschreibern fällt es offenbar schwer, die Finger vom Experimentierbaukasten zu lassen. Martin Eigler (Regie) und sein Autor Sönke Lars Neuwöhner haben es immerhin geschafft, mit der Stuttgarter Episode „Der Mann, der lügt“ eine dramaturgisch hochinteressante Geschichte zu erzählen, auch wenn die Komissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) in die zweite Reihe rücken mussten.

Randfigur des Hauptverdächtigen

Den Zuschauern am nächsten ist ein Mann namens Jakob Gregorowicz. Aus der konsternierten Randfigur eines Mordes wird im Laufe der Ermittlungen der Hauptverdächtige – beschuldigt, einen Anlageberater und dessen Sohn auf dem Gewissen zu haben. Immerhin hat Gregorowicz durch den Vater eine Menge Geld verloren. Aber ist er deshalb ein Mörder? Der österreichische Schauspieler Manuel Rubey (bekannt geworden mit seiner Darstellung des Sängers Falco in der Filmbiografie „Falco – Verdammt wir leben noch“) spielt diesen Familienmenschen, Freizeit-Tennisspieler und leitenden Angestellten nicht als Monster, sondern als gehetztes Tier. Getrieben von den unerbittlichen Nachstellungen der Komissare.

Und schon kommt die nächste Unwahrheit

Man weiß von Anfang an, dass Jakob ein Lügner ist. Er stolpert von einer Ausrede in die nächste Unwahrheit. Sein Umfeld registriert das. „Irgendwas stimmt da nicht“ – denken die Polizisten laut, denkt die Ehefrau eher leise, denkt der Anwalt ungehalten. Und denkt das Publikum, weil es an Erinnerungsbildern einer Gewalttat teilhaben darf, von denen Gregorowicz immer wieder heimgesucht wird. Und doch gelingt gelingt es dem Darsteller und dem Drehbuch, dass man den Mann nicht überführt sehen will. Noch weniger, als endlich klar wird, dass er zum jüngeren Opfer eine homoerotische Beziehung hatte.

Größer als die Angst, als Verbrecher zu gelten, ist seine Angst, als schwul geoutet zu werden Zuletzt bricht der Film mit einer eisernen Krimi-Regel: Wir erfahren nicht, wer den Finanzmenschen und seinen Sohn wirklich auf dem Gewissen hat. Man ahnt es nur. Die Zuschauer dürfen nicht mehr wissen als der am Ende aus der Untersuchungshaft entlassene Gregorowicz. Dass dieser die polizeilichen Nachstellungen und den Zerfall seiner brav-bürgerlichen Existenz nicht überleben würde, ahnte man schon lange. Viele aus der „Tatort“-Gemeinde aber dürften sich nach diesem Ende mit einem Fragezeichen im Gesicht aus dem Fernsehsessel erhoben haben.

Michael Berger

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