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Fader Titel, toller Film

„Tatort“-Blitzkritik Nr. 263 „Die Faust“ (Wien) Fader Titel, toller Film

Man erlebt es ja schon mal, dass ein Titel einen vollkommen gefangen nimmt - und nachher stellt man ernüchtert fest, dass der Film selber nicht halten konnte, was man sich erhofft hatte. Beim Wiener „Tatort“ aber war es eher umgekehrt.

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Wien. Der etwas schmalbrüstige Titel „Die Faust“ ließ dröge Kost erwarten, statt aber zogen die Wiener gekonnt alle Register der hohen Krimi-Kost. Unterm Strich war das ein „Tatort“ der besseren Sorte, wem hier langweilig wurde, der braucht dringend medizinische Hilfe.

Routiniert und wie immer recht „menschelnd“ hielten Harald Krasnitzer als Oberstleutnant Moritz Eisner und Adele Neuhauser als Majorin Bibi Fellner (wann wird man sich in Deutschland jemals an diese seltsamen militärischen Polizeidienstgrade gewöhnen?) durch das Labyrinth einer von Drehbuchautor Mischa Zickler feinfühlig zusammengesetzten Handlung, die sich sensibel zwischen Feldern wie Triebtäter, Geheimdienste, Revolutionen und ganz banalem Mord bewegte. Es wurde – was in der ARD-Dinoserie zuletzt eher selten wurde – richtig spannend.

Dabei war angesichts der Gemengelage die Gefahr durchaus groß, in Klischees abzurutschen, doch solcherlei Klippen wurden gekonnt (und glaubwürdig!) umschifft. Zweimal musste man fürchten, jetzt drifte der „Tatort“ in die Niederungen des Klamauk ab, beide Male aber kriegte man mit Bravour die Kurve: Zunächst betrat eine scheinbar allzu schrullige und offenbar spiritistisch angehauchte Profilerin mit Vespa und Sturzhelm die Szene und mahnte, man möge ruhig sein, damit sie sich „in den Täter hineinspüren“ könne; das andere Mal scheiterte ein hoher Geheimdienstler beinahe daran, sich seine Krawatte zu knoten, als man fürchten musste, jetzt würde alles plump auf eine CIA-Schelte hinauslaufen.

Die erste Szene „entschärfte“ Erika Mottl als Kriminalpsychologin Henriette Cerwenka selber, indem sie kurzerhand erklärte: „Ich zieh‘ euch nur auf!“, Situation zwei brachte die Handlung zurück ins Gleis mit der sinnvollen Bemerkung des Krawattenträgers, die CIA könne das nicht gewesen sein – „die haben noch nicht mal Edward Snowdon umgebracht“.

Wenn man denn überhaupt ein wenig „motschgern“ möchte, wie es ihn Wien heißt, dann vielleicht, weil hin und wieder allzu krass Kommissar Zufall in die Ermittlungen eingriff. Aber sei’s drum. Hat trotzdem Spaß gemacht.

Uwe Nesemann

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