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Tatort-Blitzkritik Selbstjustiz tut selten gut
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15:56 02.12.2018
Eine Kritik von Michael Berger Quelle: hfr
Hamburg

Es ist wie so oft beim „Tatort“: Wenn die ersten Bilder eine gesichtslose Eigenheimsiedlung zeigen, ahnt man es bereits – am Stadtrand geht es nur an der Oberfläche gemütlich zu, hier wohnt vielmehr das Grauen, zumindest aber ein selbstherrlicher Kleinbürgermob.

Die Episode „Treibjagd“ führt ins ganz und gar nicht idyllische Neugraben, dem südöstlichsten Stadtteil von Hamburg, dessen Zentrum die B73 nach Cuxhaven ist.

Fragwürdige Schlüsselmomente

Dass dieses Gemeinwesen ein Paradies für Wohnungseinbrecher ist, das ist die Grundbehauptung dieses „Tatorts“. Wenn dann noch die Schutzmänner überfordert wirken und die hinzugezogene Bundespolizei in Person der Kommissare Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) arrogant auf die Kleinbürger und ihre Ängste herabschauen, dann gebiert dies eine aufgescheuchte Rotte mit Hang zur Selbstjustiz.

Regisseurin Samira Radsi („Deutschland 83“, „Die Protokollantin“) und ihre Drehbuchautoren Florian Oeller und Benjamin Hessler haben leider kaum mehr als eine vorhersehbare wie oft erprobte Geschichte zu bieten. Und das mit einigen fragwürdigen Schlüsselmomenten.

Ein Eigenheimbesitzer erschießt in seinem Wohnzimmer einen jungen bulgarischen Einbrecher, dessen Komplizin kann verletzt fliehen. Dass der Schütze seine Tat genau geplant hat, auch dass er dem Opfer noch eine Spielzeugpistole in die tote Hand drückt, um seine Schüsse wie Notwehr aussehen zu lassen, passt allerdings nicht zu dem Mann, der danach völlig verstört im Sessel sitzend die Polizei empfängt.

Sein Bruder und Nachbar muss dann die Sache in die Hand nehmen, das heißt, den wahren Sachverhalt, also die tödliche Falle für die Einbrecher, vertuschen und die angeschossene Komplizin aus dem Weg räumen. Doch dass er Anstalten macht, die junge Bulgarin mit einem Kabel zu erwürgen, das traut man diesem Vorstadtfamilienvater beim schlechtesten Willen nicht zu.

Viele Fragen bleiben offen

Nicht beantwortet werden etliche Fragen zur Plausibilität der Handlung: warum der biedere Hausbesitzer überhaupt diese durchschlagkräftige Wumme besitzt, mit der er das Feuer auf die beiden Einbrecher eröffnet hat; warum die zwei jungen Leute eine ganze Siedlung in Angst und Schrecken versetzen konnten, als wäre ein mörderischer Heuschreckenschwarm eingefallen; oder wie ein Kumpel des Brüderpaares an die persönlichen Daten der Bundespolizisten gekommen ist, um sie ins Netz zu stellen und so Falke und Grosz einem Shitstorm mit handfesten Folgen auszuliefern.

Was den ganz und gar in der analogen Welt lebenden Kommissar Falke zum Satz des Abends veranlasst: „Internet ist nur für Spacken.“ Die Kleinbürger sind dann doch nicht so skrupellos, wie es ihr Maulheldentum erwarten ließe. Sondern eher weinerlich und letztlich Opfer ihrer Hybris. Das immerhin kann man an diesem – gelinde gesagt – lebensfremden Krimi als realistisch durchgehen lassen.

Michael Berger

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