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Tatort-Blitzkritik Gezielter Schuss auf den Dienstwagen
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21:40 02.09.2018
Eine Kritik von Lars Fetköter.

Er hat es wieder getan: Zum zweiten Mal in der „Tatort“-Geschichte richtet Klaus Borowski die Waffe auf seinen Dienstwagen. Aber diesmal erschießt er nicht das Auto, wie damals, als sein panamabrauner Passat ihn im Stich ließ. Diesmal ballert er nur ein Loch in den Reifen seines Volvos, um eine Panne vorzutäuschen und eine Nacht im Haus seines verdächtigen Ex-Kumpels zu verbringen.

Borowski reist in seine Vergangenheit. Er versucht wiederholt, seinem früheren Freund den Mord an dessen Frau nachzuweisen, auf die er selbst ein Auge geworfen hatte. Diese knisternde Spannung zwischen den beiden Männern fängt der Film gut ein. Gut gezeichnet sind auch die Töchter sowie ihre zerbrechliche Stiefmutter und deren wechselnde Positionen in dem Geflecht einer innerlich zerrütteten Familie. Als es ein bisschen viel wird mit schlierigen Aquariumsbildern und wackeligen Albtraumsequenzen, kommt Borowskis Neue ins Spiel, mit Boxsack, Bodenhaftung und Appetit auf Fischbrötchen: Almila Bagriagic als Nila Sahin ist ein vielversprechender Kontrast zum norddeutschen Grantler.

Die Figuren sind stark gespielt, sie nähern sich auf spannende Weise einander an und entfremden sich wieder, und so geriert sich dieser „Tatort“ fast wie eine düstere skandinavische Familientragödie, die einen nur unruhig schlafen lässt. Aber die Balance wird durch eine feine Dosis Humor wiederhergestellt, etwa mit dem Kaffeebecher-Tänzchen von Borowski und Sahin auf dem Parkdeck. 

Klar, dieser „Tatort“ hat logische Schwächen, die das Vergeben einer Bestnote verhindern: Warum erkennt Frank beim Reifenwechsel nicht, dass ein Schuss die Panne ausgelöst hat? Wieso kann die Vorgeschichte einschließlich Borowskis Trennung von seiner Frau Gaby vier Jahre zurückliegen, wo doch der Kommissar schon vor 15 Jahren als einsamer und geschiedener Wolf nach Kiel umsiedelte? Wieso wird seine Tochter Clara bei all dieser Familienvergangenheit mit keinem Wort erwähnt?

Schwamm drüber. Dafür hat der sonst so zaudernde Kripo-Chef Schladitz einen starken Schlussauftritt: Sein angewidertes „Gehen Sie einfach“ zum eines falschen Geständnis überführten Untersuchungshäftlings ist ein kraftvolles Statement. Vieles spricht dafür, dass wir am Kieler „Tatort“-Team künftig noch viel Freude haben werden. 

Lars Fetköter

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