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Tatort-Blitzkritik Hoch gepokert und gewonnen
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21:50 05.08.2018
Eine Kritik von Uwe Nesemann.
Luzern

Hoch gepokert, Herrschaften! Aber gewonnen: Dieser Beitrag aus Luzern, mit dem der „Tatort“ die Sommerpause 2018 beendete, dürfte sich seinen Ehrenplatz in der Tatort-Historie gesichert haben. Ein Krimi, abgedreht in einem einzigen Take, kein einziger Schnitt, eine eineinhalbstündige Szene ohne Wiederholungen. Das ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es hat Klasse. Und es hat einen unglaublichen Drive: Selten wirkte ein Tatort so kompakt, so kraftvoll; und ja, so spannend. Es ging Schlag auf Schlag, da war keine Zeit, mal eben aufzustehen und sich ein neues Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Es war wie ein Theaterstück auf einer riesigen Bühne, und der Zuschauer saß mittendrin.

Natürlich ist solch ein Vorhaben nicht ohne Risiko. Kameramann, Regisseur und natürlich die Schauspieler müssen höchst konzentriert arbeiten, dürfen sich keinen Hänger leisten – die Kamera läuft unerbittlich weiter, was gedreht ist, ist gedreht. Auch deshalb darf man den Hut ziehen: Bis auf ganz wenige Wackler haben alle ihren Part gemeistert, allen voran Hans Hollmann, der den widersprüchlichen Charakter des gealterteten Mäzens Walter Loving so brillant spielte, dass es unter die Haut ging. Man darf nicht vergessen: Dieser Mann ist inzwischen 85 Jahre alt – eine Glanzleistung.

Erwähnen darf man auch gerne Andri Schenardi, der Lovings Sohn Franky spielte und als Erzähler dem Tatort zusätzlichen Esprit verlieh. Zugegeben, es war eine dankbare Rolle, aber Schenardi wusste diese Chance zu nutzen.

Und das Drehbuch, verfasst von Regisseur Dani Levy höchstpersönlich? Teilweise überraschend, manchmal genial, aber auch mit kleinen Schwächen. Die ureigenste Krimi-Frage, wer denn der Täter war, wurde etwas zu einfach beantwortet, eine andere Frage – warum musste die Juristin Jelena Princip (Uygar Tamer) sterben? - blieb eigentlich gänzlich auf der Strecke. Das aber waren bestenfalls Nebengeräusche in einem Galakonzert, die nicht weiter ins Gewicht fielen.

Zwar ist die Idee, einen abendfüllenden Film als One-Take abzudrehen, nicht wirklich neu. „Birdman“ wurde mit zwei Oscars ausgezeichnet, der deutsche Film „Victoria“, „Lost in London“ von 2017 oder sogar der Hitchcock-Thriller „Cocktail für eine Leiche“ aus dem Jahr 1948 (auch wenn der aus technischen Gründen noch nicht in einem Stück gedreht werden konnte) sind nur einige Beispiele. Und nun eben noch „Die Musik stirbt zuletzt“ - ein illustrer Kreis, in den der „Tatort“ sich da jetzt nahtlos eingereiht hat.

Von Uwe Nesemann

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