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Zirkus München

Tatort-Blitzkritik Nummer 104 (München): Aus der Tiefe der Zeit Zirkus München

Krimi, Heimatfilm oder Western? Dem neuen Tatort aus München ist das egal. Spielerisch springt Regisseur Dominik Graf zwischen den Genres hin und her, verknüpft Nazi-Vergangenheit mit Bau-Mauschelei, Zirkus-Ruhm mit Polizei-Alltag. Entstanden ist ein hochspannender 90-Minüter, der dem Zuschauer einiges abverlangt. Ein lärmender, aufwühlender, ja hektischer Fall, der einen so schnell nicht mehr loslässt.

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München. Mit einer Irrfahrt durch die bayerische Metropole beginnt "Aus der Tiefe der Zeit". Es zeigt ein München der Baustellen, der funkelnden Häuserriesen - kalt, unmenschlich, unzugänglich. Einbahnstraßen und Überwachungskameras beherrschen das Bild. Wohnungsnot auf der einen, hochpreisige Immobilien auf der anderen Seite.

Dunkle Wolken, Zeitraffer-Sequenzen und schnelle Schnitte kennzeichnen diesen Handlungsstrang. Parallel wird die scheinbar so heile Welt der Familie Holzer, die ihr vorgelebtes Familienglück auf einem Mord aufgebaut hat, mit irrwitzigen Kostümen, Schießeinlagen, lauter Countrymusik und überhellen Einstellungen gezeigt. In etlichen Szenen bleibt einem nichts anderes übrig, als die Augen ein wenig zusammenzukneifen. Selbst der Mond blendet.

Im 65. Batic/Leitmayr-Fall kommt der Symbolik eine zentrale Rolle zu. Gegen die formal brillante Stringenz setzen Graf, zehnfacher Grimme-Preisträger, sein Hauptautor Bernd Schwamm und Kameramann Alexander Fischerkoesen immer wieder menschelnde Akzente: Es darf sich schon mal den Kopf gestoßen, geraucht, geflucht oder sich am Kaffee verbrannt werden. Der daraufhin erstmal in den Kühlschrank muss - und dort bisweilen auch gesucht wird. Eine gewollte Reminiszenz an die österreichische Kottan-ermittelt-Serie.

Und dann ist da natürlich noch die ehrlich-erdige Ermittlungsarbeit. Zwischen Yoga und Wutausbruch entwickeln sich in den Verhören herrliche Dialoge. Liz Bernard (verstörend: Meret Becker), Peter (preisverdächtig: Martin Feifel) und Magda Holzer (unheimlich: Erni Mangold) treiben die beiden Kommissare ein ums andere Mal an den Rand des Wahnsinns. Und hinterlassen bei Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) mehr Fragen als Antworten.

Das Perfide daran: Der Zuschauer befindet sich auf Augenhöhe - wird aber fürs Durchhalten mit einem apokalyptischen Showdown belohnt. Die Erde bebt, die Erde bröckelt, das Familienkonstrukt bricht zusammen, es war alles nur Show. Vier Leichen, keine Verhaftung und eine einfache Erkenntnis: Essen muss der Mensch. Gute Verdauung! Christopher Steckkönig

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