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Gesundheit Zu viel Sport schadet der Gesundheit
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17:49 01.12.2016
Gefährliche Mischung: Die sekundäre Sportsucht steht eng mit psychischen Erkrankungen wie Magersucht und Bulimie im Zusammenhang. Quelle: Eugenepartyzan / Fotolia

„Sport ist Mord“ – gerne begründen Sportmuffel mit diesem Satz, warum sie jegliche Art der körperlichen Betüchtigung verweigern. Hingegen sind Befürworter der Leibesübungen sich sicher: Kein Sport ist Mord. Unumstritten ist, dass regelmäßiges Training unter anderem das Immunsystem stärkt, das Herz- Kreislauf-System in Takt hält, als wirksames Mittel gegen Übergewicht dient und einer Vielzahl von Krankheiten vorbeugen kann. Außerdem schafft Sport einen gesunden Ausgleich zum Alltagsstress und stärkt das Selbstwertgefühl erheblich.

Bekannt ist jedoch auch, dass in jedem Spruch ein Fünkchen Wahrheit steckt. So birgt Sport nicht nur ein gewisses Unfallrisiko, sondern kann sogar süchtig machen. „Wenn das Training zum Zwang wird und der Verzicht psychische oder sogar körperliche Leiden hervorruft, sind das Anzeichen eines typischen Suchtverhaltens“, erklärt Jens Kleinert, Professor für Sport- und Gesundheitspsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Leidensdruck von Betroffenen ist hoch. Es besteht zwar ein gewisser Wunsch nach Veränderung, doch wie bei jeder anderen Sucht auch, sind Sportsüchtige häufig ihren Entzugserscheinungen unterlegen. Dazu gehören gesteigerter Blutdruck, Unruhe, Nervösität und zum Teil agressives Verhalten.

Wenn Freunde, Familie und Beruf vernachlässigt werden

„Das Training dominiert das komplette Leben. Andere Aktivitäten und das soziale Umfeld geraten in den Hintergrund. Freunde, Familie und selbst der Beruf werden vernachlässigt“, ergänzt Frank Hahn, Sportpädagoge und Gesundheitsexperte für Sport und Bewegung bei der Krankenkasse IKK classic. „Mittelfristig führt das zu großen, sozialen Problemen.“ Darüber hinaus kann das exzessive Trainingsverhalten dazu führen, dass sich der Körper nicht mehr regenerieren kann. „Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Überlastungen der Gelenke, Knochen und Sehnen sind die Folge“, sagt Prof. Kleinert.

Ursachen der Sportsucht unklar

Warum Sport süchtig machen kann, ist unklar. Bisher gibt es keine eindeutige, wissenschaftliche Antwort darauf. „Eine Erklärung hängt mit der Beta-Endorphin-Produktion zusammen – ein Stoff, den der Körper bei großer Anstrengung ausschüttet und der ihn in eine Art Rauschzustand versetzt. Er wirkt euphorisierend und schmerzlindernd. Aber es gibt gute Argumente, die gegen diese Theorie sprechen“, so Hahn. Eine andere Theorie geht davon aus, dass es etwas mit der Hirntätigkeit während körperlicher Anstrengung zu tun hat. Und zwar speziell in einem Bereich der Großhirnrinde, in dem mentale Prozesse wie Nachdenken oder Planen stattfinden. Unter körperlicher Belastung werden diese Aktivitäten herunterreguliert. Dadurch entsteht ein Zustand, der als angenehm empfunden wird. Man ist wie betäubt und vergisst praktisch seine Probleme oder Sorgen. „In jedem Fall spielt die individuelle Persönlichkeit eine Rolle“, betont Hahn. „Menschen mit geringem Selbstwertgefühl und übersteigertem Perfektionismus haben ein größeres Risiko, eine Sportsucht zu entwickeln.

Sekundäre Sportsucht

Neben der primären Sportsucht, bei der tatsächlich der Bewegungszwang und keine andere Erkrankung der Auslöser für die Sucht ist, gibt es eine weitere: die sekundäre Sportsucht. Diese sattelt sozusagen auf eine Grunderkrankung auf – ist also eine ihrer Folgen. In erster Linie sind dies Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie oder eine gestörte Körperwahrnehmung. Betroffene wollen durch exzessiven Sport möglichst viele Kalorien verbrennen und Gewicht verlieren.

Über die Verbreitung psychischen Störung existieren keine speziellen Zahlen. „Sportsucht gehört zu den Verhaltenssüchten und besitzt wie auch die Kauf- oder Spielsucht keine eigenständige Diagnose“, ergänzt Prof. Kleinert. „Wieviele Menschen also tatsächlich darunter leiden, ist schlecht zu beurteilen.“ Es ist aber eher ein Randphänomen. Fachleute gehen davon aus, dass etwa ein bis drei Prozent der deutschen Sportler davon betroffen sind.

Jüngere Menschen sind stärker gefährdet als ältere. Ausdauersportler scheinen ebenso häufiger betroffen zu sein: Triathleten, Marathonläufer und Radfahrer. „Abgesehen von der sekundären Sportsucht, von der häufiger Frauen betroffen sind, lassen sich keine Geschlechterunterschiede festmachen“, sagt Hahn.

Die Kontrolle über das eigene Verhalten zurückzugewinnen

Alleine wird man die Sucht kaum in den Griff bekommen. Wer befürchtet sportsüchtig oder zumindest gefährdet zu sein, sollte zuerst mit seinem Hausarzt reden. Der wird, nachdem er die Diagnose gestellt hat, mit dem Betroffenen die mögliche Therapie besprechen. Sollte es notwendig sein, wird der Patient an einen Facharzt überweisen, beispielsweise an einen Psychiater. Ob eine Behandlung ambulant oder stationär durchgeführt durchgeführt wird, entscheidet der Arzt.

Ziel der Therapie ist die Kontrolle über das eigene Verhalten zurückzugewinnen und wieder ein gesundes Gleichgewicht aus Leistung und Regeneration zu finden. Im Gegensatz zu anderen Süchten ist bei der Sportsucht eine lebenslange Abstinenz von suchtauslösenden Wirkstoffen nicht notwendig.

 Anne Fidelak

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