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Aufstand der Mitte

Weltweit meldet eine neue Generation ihre Ansprüche an. Aufstand der Mitte

Der alte Gedanke der Aufklärung ist, dass mit dem Verschwinden der Not auch die geistige Befreiung einhergeht. Das Sein würde das Bewusstsein bestimmen, das war die Hoffnung.

Und es ist offenbar genau das, was wir derzeit in der Türkei und Brasilien erleben, in Israel vor zwei Jahren, im arabischen Frühling, der immer noch anhält.

Es ist bei aller Unschärfe des Begriffs der Mittelstand, der dort protestiert. Es sind junge Leute zumeist, wach, gut ausgebildet, und sie haben viele Fragen. Ihre Eltern haben sich aus kargen Verhältnissen hochgekämpft und ihren Kindern Chancen eröffnet, die sie selbst nie hatten. Jetzt stehen die Kinder hier, sehen, dass Dinge falsch laufen in ihren Ländern, und erheben ihre Stimme.

Sie haben keine charismatischen Führer, die brauchen sie nicht in Zeiten von Facebook und Twitter. Und man sagt, sie hätten auch keine Ideologie. Das mag richtig sein, wenn man das Streben nach Freiheit, nach Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit nicht ideologisch nennen will. Aber dann wäre die deutsche Revolution von 1989 auch eine ohne Ideologie gewesen.

Es geht den Demonstranten um sehr konkrete Dinge. Um bessere Bildung und bezahlbare Wohnungen, um faire Chancen, Sicherheit und ein Ende der Korruption. Und wo wie in der Türkei ein selbstherrlicher Paternalist das Land nach seinem Sinn zu formen gedenkt, geht es auch um das Ende der Bevormundung.

In der Türkei oder in Ägypten ist die Religion immer noch eine Klammer, mit der die Regierenden eine auseinanderdriftende Gesellschaft disziplinieren können. Ansonsten aber unterscheiden sich die Anliegen des protestierenden Mittelstands wenig von denen in einem offiziell atheistischen Land wie China. Es geht dieser wachsenden Schicht nicht unbedingt um eine andere Regierung, sondern um eine bessere. Und so zwingend dieser Ruf aus westlicher Sicht in eine Demokratie westlichen Zuschnitts münden muss, so wenig ist das in den unruhigen Schwellenländern ausgemacht. Man kann das mit allem Recht beklagen, zur Kenntnis nehmen muss man es aber auch.

LN

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