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Kommentar Blutiger Sommer am Nil?
Mehr Meinung Kommentar Blutiger Sommer am Nil?
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22:22 01.07.2013
Von Jens Burmeister

Um die schmerzhafte Wahl erträglicher zu machen, quetschten sie vorher Zitronen über sich aus.

Heute sind viele der „Zitronenleute“ sauer — sauer über Mursi, der für sie das Symbol einer missglückten Revolution ist.

Denn viele Hoffnungen am Nil haben sich nicht erfüllt. Im Land herrscht Chaos. Ein „Pharao“ folgte dem anderen: Mubarak — Militärrat — Mursi. Den meisten Ägyptern geht es heute schlechter als früher.

Lebensmittelpreise steigen, Benzin ist knapp, Stromausfälle sind an der Tagesordnung, die Arbeitslosigkeit wächst, die Straßenkriminalität grassiert. Politische Führungsposten werden unter Muslimbrüdern aufgeteilt und die Christen fürchten sich vor Übergriffen. Finanziell hängt das Land am Tropf des Scheichtums Katar und bald auch des Internationalen Währungsfonds. Doch der könnte die Staatskrise noch zuspitzen. Denn IWF-Milliarden gibt es nur, wenn die Preise für Öl, Gas und Brot steigen. Das aber ist Sprengstoff in einem Land, das mit bis zu einem Drittel seines Etats Energie und Lebensmittel subventioniert und wie kein anderes von Weizenimporten abhängt. Ägypten droht eine Hungerrevolte, die rasch in einem religiösen Bürgerkrieg münden könnte.

In dem hätten die Muslimbrüder die besseren Karten. Aus drei Gründen: Die Opposition ist zahlenmäßig stark, aber zersplittert. Die Muslimbrüder werden von der geostrategischen Schutzmacht USA akzeptiert. Und die Armee? Sie droht zwar, die Panzer aus den Depots zu holen. Dennoch wird sie eher am Burgfrieden mit der Muslimbruderschaft festhalten, solange ihre Privilegien unangetastet bleiben. Immerhin gebietet Ägyptens Militär-Clique über 40 Prozent des Nationalvermögens und zahlt keine Steuern.

Der Arabische Frühling am Nil ist vorüber. Jetzt droht ein blutiger Sommer. Und ausgepresste Zitronen werden die erhitzten Gemüter nicht noch mal kühlen.

LN

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