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Kommentar Das Ende eines Ego-Trips
Mehr Meinung Kommentar Das Ende eines Ego-Trips
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22:26 28.10.2013
Von Gerald Goetsch

Susanne Gaschke blieb sich treu: Die Rücktrittserklärung der Kieler Oberbürgermeisterin geriet zur wütenden Generalabrechnung. Selbstkritik? Weit gefehlt! Die Story, die die Journalistin zum Abschluss ihrer nicht einmal einjährigen Amtszeit vortrug, war denkbar schlicht gestrickt: Hier tritt ein unschuldiges Opfer ab, zermahlen vom abgekarteten und männerdominierten Politikbetrieb. Eine Frau, die um Offenheit kämpfte und am Hass des Kieler Polit-Establishments scheiterte.

Mit ihrem selbstgerechten Abgang hat die Verwaltungschefin gestern die allerletzte Chance verspielt, achtbar aus der seit Wochen schwelenden Auseinandersetzung um den Millionen-Steuererlass zu kommen. Denn Gaschkes Erklärung ging weit über die allgemeine Rücktritts-Rhetorik hinaus. Die Sozialdemokratin zeichnete das Bild eines „zerstörerischen Systems“ aus Lokalpolitik, Medien und Landesregierung — mit den eigenen Genossen in Hauptrollen.

Vor allem Torsten Albig wurde gestern noch einmal abgewatscht. Offenbar ist es Gaschke bis heute nicht gelungen, die SMS des Ministerpräsidenten unvoreingenommen zu lesen. Albig selbst hatte sie im Zuge der Auseinandersetzung veröffentlicht. Bemerkenswert, denn der Regierungschef gewährte damit einen tiefen Einblick in die Taktik der politischen Öffentlichkeitsarbeit. Sein in der Tat wohlmeinender Rat an Gaschke hat sich eindrucksvoll bestätigt: „Fehler zu machen, lässt einen fast nie stürzen — nur der Umgang mit ihnen.“ Tatsächlich hätte Susanne Gaschke trotz ihrer Fehlentscheidung eine Chance gehabt, im Amt zu bleiben. In die Isolation hat sich die Sozialdemokratin durch ihre Rundumschläge gegen Freund und Feind selbst manövriert.

Was bleibt von dieser Kieler Affäre? Vor allem Fragen. Warum haben führende Genossen nicht schon vor der Direktwahl erkannt, dass die Bewerberin überfordert war? Warum hat kein Mitarbeiter des Verwaltungsapparats eingegriffen, als die Seiteneinsteigerin eine juristisch unhaltbare Position einnahm? So viel ist sicher: Gaschke fehlten Ratgeber. Vielleicht aber wollte sie auch keine Ratschläge hören.

LN

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