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Kommentar Das Leben der anderen
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22:25 25.10.2013

Willy Brandt war in Skandinavien und Ernst Reuter in der Türkei. Thomas Mann traf in den Vereinigten Staaten auf Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Bertolt Brecht. Sie alle waren auf der Flucht, und sie alle fanden Schutz und eine neue Heimat in gefährlicher Zeit.

Die Flüchtlinge unserer Tage haben keine prominenten Namen. Sie setzen sich an der afrikanischen Küste in marode und viel zu volle Boote und fahren übers Mittelmeer nach Europa. Sie riskieren ihr Leben, denn viel mehr zu riskieren haben sie meist nicht. Gestern wurden vor Sizilien 700 Menschen aus dem Meer gerettet, vor drei Wochen ertranken mehr als 360 Menschen vor Lampedusa, es hört nicht auf.

Nach der Katastrophe von Lampedusa aber war das Entsetzen groß, und die Worte waren noch größer. „Der Notstand von Lampedusa ist ein europäischer, Europa kann sich nicht abwenden“, sagte EU-Kommissionschef José Manuel Barroso bei einem Besuch auf der Insel. Und gestern? Wurde eine Entscheidung zur Flüchtlingspolitik beim EU-Gipfel in Brüssel vertagt.

Ist das Versagen? Ist das Wegducken vor einem unangenehmen Problem? Zumindest wurde deutlich, dass man an grundlegende Änderungen nicht denkt, jedenfalls nicht vor dem EU-Afrika-Gipfel im kommenden Jahr.

Es ist mehr als fraglich, ob man dann eine Lösung findet. Aber es stimmt dann immerhin der Rahmen. Man muss in den Herkunftsländern ansetzen, dort wo die Menschen es nicht mehr aushalten vor Krieg und Hunger oder weil es nichts mehr gibt, was man einen Staat nennen könnte. Das ist banal, aber es trifft den Kern.

Was an Europas Küsten gelangt, ist ja nur ein Bruchteil jener Menschen, die in Afrika ihre Heimat verlassen haben. Zwölf Millionen Binnenflüchtlinge gibt es auf dem Kontinent (genau so viel im Übrigen, wie nach dem Krieg aus den deutschen Ostgebieten fliehen mussten). Die wenigen, die Europa erreichen, kann eine wohlhabende Staatengemeinschaft sehr wohl verkraften. Für die Millionen anderen braucht man andere Lösungen. Der Kampf gegen Schleuser, den die EU jetzt forcieren will, ist da nur ein Nebenkriegsschauplatz. Bericht Seite 3

LN

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