Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kommentar Das Versagen der Opferhelfer
Mehr Meinung Kommentar Das Versagen der Opferhelfer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:34 18.03.2018

Allerdings hielten die Verantwortlichen beim Weißen Ring die massiven Anschuldigungen von verschiedenen Frauen für so glaubhaft, dass sie nach der Veröffentlichung der Zusammenhänge durch das Magazin „Der Spiegel“ und die Lübecker Nachrichten sofort zurückgetreten sind. Dass Menschen bisher viel mehr bemüht waren, die Vorgänge zu deckeln als aktiv für Aufklärung zu sorgen, ist ein Schlag ins Gesicht für alle Opfer, die sich in Bedrängnis an Helfer wenden. Wem soll man denn noch vertrauen?

Und um es ebenso deutlich zu sagen: Ja, beim Weißen Ring finden Opfer Hilfe. 50 000 Mitglieder hat der Verein deutschlandweit und 3000 ehrenamtliche Helfer. Die Helfer wissen in der Regel, wie man Menschen in Not berät, Mut macht, Wege aufzeigt. Geschädigte zu unterstützen, Zivilcourage zu ehren – dafür steht der Weiße Ring. In den eigenen Strukturen aber hat es im Norden in den letzten Jahren offenbar zu alledem nicht gereicht. Die Chefs haben mit dem Rücktritt die Notbremse gezogen. Um Schaden vom Verein abzuwenden, heißt es. Doch der Schaden ist da und man muss sich fragen: Wer hat noch von den Vorgängen gewusst und sich ebenso um die öffentliche Aufklärung und um Transparenz gedrückt – oder gar vor Detlef H. gekuscht?

Obwohl sich über Jahre hinweg Beschwerden gegen Lübecks Ex-Chef der Opferhilfe häuften, haben die Verantwortlichen ihn lange weiter im Namen des Vereins agieren lassen – und zwar in Situationen, in denen es außer dem Helfer und dem Opfer keine Zeugen gibt. Dieses „weiter so“ hat auch der Frauennotruf mit seinen Beschwerden nicht wirksam durchbrechen können. Natürlich wird man sich auch dort die Frage stellen müssen, ob tatsächlich alle Mittel ausgeschöpft wurden, der Gefahr zu begegnen, dass hilfesuchende Frauen bei ihrem Berater erneut zu Opfern werden.

Dass viele Menschen sich jetzt mit solchen Beschwerden an die Öffentlichkeit wenden, ist sicher ein Erfolg der Bewegung #metoo. „Ich bin auch betroffen“ – mit dieser Botschaft stellen sich nicht diejenigen ins Abseits, die einen Übergriff erleiden und ihn aussprechen. Es werden jene bloßgestellt, die Täter sind und ebenso die, die schon die Debatte darüber verhindern oder verhindern wollen.

Zu hoffen ist, dass die jetzt angestoßene öffentliche Diskussion auch beim Weißen Ring verlässliche Strukturen schafft, die sicherstellen: Kein Opfer muss Angst haben zu reden.

Nick Vogler

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!