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Die Stunde der Weihnachtschristen

LEITARTIKEL Die Stunde der Weihnachtschristen

Heiligabend schlägt die Stunde der „Weihnachtschristen“ – Menschen, die nur einmal im Jahr in die Kirche gehen.

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Von Bischöfin Kirsten Fehrs

Heiligabend schlägt die Stunde der „Weihnachtschristen“ – Menschen, die nur einmal im Jahr in die Kirche gehen. „Ist das nicht scheinheilig, stört Sie das gar nicht?“, fragte mich kürzlich eine junge Journalistin. Ich habe ihr deutlich widersprochen. Nein, es stört mich überhaupt nicht, im Gegenteil: Ich freue mich über jeden, der kommt. Und überhaupt: Nicht ich bin die Gastgeberin. Gott selbst ist es. So wie damals in Bethlehem.

„Ich bin dankbar, in der Heiligen Nacht so vielen Menschen zu begegnen, die die Hoffnung auf eine bessere Welt in ihr Herz lassen.

Und auch heute dürfte er seine Freude haben. Ein bunt gemischtes Volk sitzt in den Bänken: Kinder im Anorak neben älterer Dame im Pelz. Ein blinder Mann neben einem Flüchtling; ein verliebtes Pärchen, das sowieso nur einen Platz braucht. Alles wie im richtigen Leben. Und während ich mich innerlich vorbereite, gleich ans Pult zu gehen und zu sagen: „Ich freue mich, dass Sie heute hierher in Gottes Haus gekommen sind“, frage ich mich oft, was in all diesen Menschen vorgeht. Was sie erwarten, brauchen, ersehnen – vielleicht auch von mir.

Endlich entspannen, so denken sicher die einen. Jetzt, nach anstrengenden Wochen in Geschäft, Büro und Werkstatt, ist das Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf fast übermächtig. Andere grübeln vielleicht die ganze Zeit, ob sie das alles schaffen mit dem Braten und der Bescherung und dem Besuch. Oder die Dame, die fein gemacht ihre Contenance hält – ist sie doch eigentlich untröstlich über den Verlust eines Menschen, der ihr viel bedeutet hat? Heute schmerzt es besonders.

Nicht alle gehen in erster Linie in die Kirche, weil sie glauben. „Aber sie sehen zu, wie andere glauben“, sagt der Theologe Fulbert Steffensky. „Und das ist wohl auch ein Stück Glaube. Ein Glaube auf Zeit, und ein Glaube bei Gelegenheit! Wer wollte ihn verachten.“

Recht hat er. Es ist so viel Sehnen und Denken, Freude und Schmerz im Raum – so vieles, was Menschen ruhig machen und berühren kann. Und ich bin sicher, dass eines all diese unterschiedlichen Menschen und ihre Lebensgeschichten verbindet: Die Suche nach Segen. Danach, dass diese eigentümlich vertraute alte Sprache und das „Es begab sich aber zu der Zeit“ einem Heimat gibt und Geborgenheit. In stiller Nacht, endlich still, in der der Friede neu geboren wird.

Ich selbst als Christin sehne mich in dieser Heiligen Nacht danach, dass der Stern von Bethlehem auch über diese Stadt und unser Land leuchtet. Dann bin ich dankbar, so vielen Menschen zu begegnen, die berührbar sind und friedenssehnsüchtig, die die Hoffnung auf eine bessere Welt in ihr Herz lassen. Für diese Menschen sind wir da, öffnen die Türen. Und lassen den Zimbelstern erklingen, wenn wir singen – gemeinsam! – „O du fröhliche!“

LN

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