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Kommentar Franziskus‘ langer Marsch
Mehr Meinung Kommentar Franziskus‘ langer Marsch
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23:15 20.09.2013
Von Uwe Nesemann

Es gibt ja schon jetzt eine Menge Geschichten über Papst Franziskus. Eine der schönsten ist vielleicht diese: Wenn er einen Espresso möchte, dann klingelt der Pontifex nicht nach der Dienerschaft, sondern er fährt mit dem Fahrstuhl ins Untergeschoss und zieht sich einen am Automaten. So stellt man sie sich vor, die Fleischwerdung der Heiligkeit.

Der Mann an der Spitze der katholischen Kirche ist voller Überraschungen, fast scheint es, als sei er am Tag seiner Wahl auf die Überholspur eingebogen. Wenig nur hat er mit seinen Vorgängern gemein, angefangen beim asketischen Lebensstil (angeblich ist selbst das Kreuz, dass er vor der Brust trägt, nicht aus Gold, sondern nur aus Metall) über seine Alltags-Attitüden (seinem Fußballclub in Buenos Aires zahlt er brav monatlich den Mitgliedsbeitrag) bis zu Säuberungsmaßnahmen wie der Entlassung des Chefs der Vatikanbank — Franziskus ist Woche für Woche für eine kleine Schlagzeile gut.

Nun jagt er all jenen Glaubensbrüdern einen Schrecken ein, deren Seelenheil sich an Werte und Moralvorstellungen vergangener Jahrhunderte klammert. Das Tabu-Thema Homosexualität ist für Franziskus keines mehr, eine Öffnung der katholischen Kirche für Frauen hält er nicht nur für möglich, sondern für wünschenswert. Der Pontifex straft alle Lügen, die ihm den Ruf eines erzkonservativen Geistlichen anheften wollten. Er scheint sich ernsthaft darum zu bemühen, seine Kirche ins 21. Jahrhundert zu führen.

Ob er das wirklich kann, ist eine andere Frage. Franziskus mag weltlich, offen und sympathisch sein, aber auch dieser Pontifex ist im Gegensatz zu jenem, dessen Stellvertreter auf Erden er sein soll, nicht allmächtig. Mit jedem Beifall, den man ihm zollt, vergrämt man jene, die bislang im Vatikan die Karten mischten. (Die fürchten übrigens nicht nur ums Seelenheil, sondern wahrscheinlich auch um ihre Pfründe.) Franziskus‘ Gegner mögen leise sein, aber sie sind nicht ruhig. Will er wirklich seine Kirche für alle Menschen öffnen, muss er diese Gegner auf seine Seite ziehen, und das wird nicht einfach. Siehe: Der Weg der katholischen Kirche ins Hier und Jetzt ist weit — viel weiter als der zum päpstlichen Espresso-Automaten.

LN

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