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Kommentar LEITARTIKEL: Maybe never wins
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02:40 01.01.2013
Quelle: Lutz Roessler

Seit einigen Monaten gehen vielen Menschen die Werbeplakate für eine Zigarettenmarke auf die Nerven: „Maybe never wins“ steht da in einem merkwürdigen Englisch, was heißen soll, dass jemand, der „vielleicht“ sagt, also Vorsicht walten lässt, nie zu den Siegern — bei was auch immer — gehört.

Die Deutschen werden international gerne als Maybes abgetan — als Zweifler und Zauderer, als grübelnde Sinnsucher. Die in den englischsprachigen Ländern sprichwörtliche „German Angst“ bezieht sich auf die Scheu vor Risiken wie Atomkraft, neoliberal entfesselte Ökonomie, Kriegsbeteiligung oder dem Ausstoß von Klimagasen.

Die Deutschen sind mit ihrer Skepsis in den vergangenen Jahren nicht schlecht gefahren. Sie haben sich in ihrer Mehrheit nicht anstecken lassen von Versprechungen auf schnelle ökonomische Erträge, die Wirtschaft hat auch weiterhin auf Old Economy gesetzt, nicht nur auf die virtuellen Fata Morganas, die Politik war im internationalen Vergleich auf Seriosität bedacht. Das Ergebnis: Die belächelten deutschen Vielleichtheimer konnten sich als Stabilitätsgarant im Europa der Euro-Krise behaupten. Und eine Mehrheit sieht laut Opaschowski-Studie mit Zuversicht ins kommende Jahr, auch ohne Aussicht auf stetig wachsenden Wohlstand. Das zählt zu den erfreulichsten Erkenntnissen der Prognose: dass sich offenbar eine relevante Gruppe von den universellen Richtmaßen der letzten Dekaden, Materialismus und Gier, abwendet. Das lässt sich sicherlich nicht von allen Deutschen sagen, und von den verarmenden Bevölkerungsteilen Bescheidenheit zu erwarten, wäre unbillig. Aber vom sinnsuchenden Mittelstand, der, wie überall, bei Fragen der Lebensführung Avantgardefunktion hat.

Wenn die Eliten jetzt noch die zweite deutsche Spezialität ablegen, die Überheblichkeit — „German assertiveness“ nennen sie die Amerikaner und Briten —, dann sind die Voraussetzungen für ein glückliches Einvernehmen im europäischen Rahmen gegeben. Immerhin reimt sich „deutsches Wesen“ schon lange nicht mehr wie einst beim Lübecker Emmanuel Geibel auf „Welt genesen“.

Bericht Seite 6

LN

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