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Kommentar Respekt für einen Mann – und seine Idee von Europa
Mehr Meinung Kommentar Respekt für einen Mann – und seine Idee von Europa
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20:24 01.07.2017
Von Michael Wittler

Was Menschen Übles tun, das überlebt sie. Das Gute wird mit ihnen oft begraben“, heißt es in Shakespeares „Julius Caesar“. Bei Helmut Kohl ist es genau anders herum – seine Verfehlungen waren gestern kein Thema und sollen es auch hier nicht sein. Denn: Hunderte Trauergäste aus dem eigenen Land, aus ganz Europa und der ganzen Welt: Einen solchen hochkarätigen Auftrieb bei einem Staatsakt gab es selten zu bestaunen, so wie es auch noch keinen europäischen Staatsakt gab. In Straßburg, jener französisch-deutschen Stadt an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, die sich so blutig bekriegten und nun als europäischer Einigungs-Motor so dringend herbeigesehnt werden: Mehr Symbolkraft war kaum vorstellbar am Tag des Begräbnisses von Helmut Kohl.

„Kohl war ein Mann, der ausgestreckte Hände zu ergreifen wusste – und auch selbst seine Hände ausstreckte.

Dem Historiker mit dem großen Sinn fürs Symbolische hätte das wohl gefallen. Die Anerkennung, die ihm da gestern gezollt wurde, zum Teil unter Tränen (wie etwa bei Bill Clinton), hat ihm schließlich am Ende gefehlt, so wie er und sein unbestreitbar europäisch ausgerichtetes Denken und Handeln der EU zuletzt mitunter schmerzlich fehlten. Dass Deutschland als überstrenger Zuchtmeister von vielen Europäern eher mit Unbehagen erlebt wird, das hätte dem Europäer Kohl, der, wie sich Jean-Claude Juncker erinnerte, bewegt weinte, als sich die EU mit Deutschland in der Mitte friedlich gen Osten entfalten konnte, nicht gefallen. Er wusste um die Dimension solcher Momente, die er als Deutscher zu würdigen verstand, als Mann aus einem lange verfemten Land, das ganz Europa in seine schlimmste Zeit gestoßen hatte, die er selbst noch gekannt hatte. Ohne viele ausgestreckte Hände gerade noch so geschundener Nachbarn und Feinde wäre das deutsche Comeback nicht möglich gewesen – und Kohl war, das wurde gestern deutlich, ein Mann, der ausgestreckte Hände zu ergreifen wusste, zur rechten Zeit und auch für eigene nationale Interessen, zu denen er aber immer die Einbindung Deutschlands in ein europäisches Ganzes zählte. Dieses Geschichtsverständnis machte ihn in und für Europa zu einem Mann, der auch selbst seine Hand ausstreckte, und sei es auch nur, um einen Scheck auszustellen, damit es mit Europa weitergehen konnte. Die Negativ-Erzählung von deutschen Steuergeldern, die in Brüssel „verbraten“ würden, hat erst sein Nachfolger angestoßen.

Vielleicht kommt Helmut Kohl ja noch ein Verdienst zu: Wenn sein europäisches Vermächtnis von all jenen, die da gestern für ihn zusammenkamen und möglicherweise mit ihm auch die akut ebenfalls vom Tode bedrohte Vision eines friedlichen und einigen Europa beweinten, jetzt zum Anlass genommen würde, diese Vision mit neuem Leben erfüllen.

LN

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