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Studium und Beruf Sechs Versuche, neue Kunst zu zeigen
Mehr Studium und Beruf Sechs Versuche, neue Kunst zu zeigen
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21:20 07.08.2015
Der Schüler Marc Ohle (18) hat die Skulptur „Adler IV“ von Rahel Bruns ausgesucht, weil für ihn der Vogel für Freiheit und Macht steht. Fotos (3): Liliane Jolitz, Marianne Obst

Für Uwe Honsberg, Geschäftsführer der GmbH Wohnungsbau in Neumünster, kam es vor allem auf Farbe an. Peter Nagel, renommierter Maler und früherer Professor an der Muthesius-Kunsthochschule Kiel, hat so getan, als würde er ein Bild gestalten. Und ein Kunstkurs der Klaus-Groth-Schule in Neumünster hat Werke ausgesucht, mit denen die jungen Leute etwas anfangen konnten: Die Herbert Gerisch-Stiftung in Neumünster hat in ihrer neuen Ausstellung sechs unterschiedliche Positionen zur zeitgenössischen Kunst versammelt. Fünf Gäste und eine Schulklasse waren aufgefordert worden, aus über 200 Werken ihre Auswahl zu treffen. Herausgekommen ist eine manchmal verblüffende Ausstellung, die sehr unterschiedliche Blicke auf Werke zeitgenössischer Kunst wirft und unterschiedliche Herangehensweisen zeigt.

Grundlage der Ausstellung ist die in Schleswig-Holstein beheimatete Sammlung „Haus N“ des Sammlerpaares Gunda und Peter Niemann. Sie umfasst über 200 Werke aller Art — Malerei, Skulptur, Grafik, Fotos, Installation, Video. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ist sie Gegenstand einer Ausstellung. Erstmals wurde sie in der Gerisch-Stiftung bis Ende Juli präsentiert in einer Schau, die von Haus-Kuratorin Kristin Danger konzipiert worden war. Teil zwei übernahmen nun die Gäste.

Peter Nagel, einer der bekanntesten Maler Schleswig-Holsteins, hat seinen Bereich komponiert wie ein Gemälde. Ausgehend von einer türkisfarbenen Wanne im früheren Badezimmer in der Villa Wachholtz hat er große und kleine Bilder oder Skulpturen ausgewählt und farblich passende („Das Türkis kommt wieder vor“). Für ein großformatiges Gemälde von Birgit Jensen, das das nächtliche Licht der Millionenstadt Los Angeles leuchten lässt, gibt es auch einen persönlichen Grund: Die Künstler kennen sich seit langem.

Jonathan Meese, Klaus Fußmann, Hanne Darboven, Daniel Richter — berühmte Namen sind bei Bernd-Brandes Druba, Leiter Stiftungen beim Sparkassenverband Kiel, zu finden. Er will den Blick auf Künstler und Künstlerinnen vor allem aus Schleswig-Holstein und Hamburg lenken. „Schleswig-Holsteins Kunst hat es schwer“, notiert Brandes-Druba in dem Heft „Kuratorenkunde 1“, das jeder Ausstellungsbesucher bekommen soll.

In der Rolle des Kurators habe er sich zunächst nicht so wohlgefühlt, denn er sei ja ein Wirtschaftsmann, bekennt Uwe Honsberg, Geschäftsführer der Wobau Neumünster. In seiner Abteilung ist die farbenfrohe geknüpfte Installation „Wet Dreams of a Painter“ von Marianne Thörmer zu finden oder das „Vereinzelte Schwein“ in Blau von Ulrike Mathilde Föhner. In dicken Strichen präsentiert es sich aufrecht den Betrachtern. Viel Farbe ist hier im Spiel — Kunst, die Freude macht. Honsberg hat sich als Kurator betätigt, um einem guten Zweck zu dienen.

„Neumünster liegt mitten in Schleswig-Holstein, aber keiner nimmt Neumünster wahr“, sagt er. Vielleicht könne die Stadt durch Kunst bekannter werden.

Weitere Austellungs-Gestalter sind die Journalistin Ingeborg Wiensowski und Dieter Witasik, Vorsitzender der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck. Er habe aus dem Bauch heraus entschieden, sagt Witasik.

Er wählte unter anderem das großformatige abstrakte Gemälde „Feelers“ von Timon Schmolling aus. Farblich sehr zurückhaltend dominiert es einen Raum mit rot gestrichenen Wänden.

Die Gast-Kuratoren hatten eine Mappe mit Abbildungen bekommen, aus denen sie auswählen konnten. An die 90 Exponate von etwa 70 Künstlerinnen und Künstlern werden in der Ausstellung gezeigt. Die jeweiligen Auswahlen ließen sich dabei erstaunlich gut abgrenzen. „Es gab nur sechs Überschneidungen“, sagt Kristin Danger.

Die wohl gründlichste Vorbereitung hat die Schulklasse aus Neumünster geleistet. Die Jugendlichen befassten sich mit Themen wie „Was ist eigentlich ein Kurator?“. „Ich weiß nicht, wie lange wir manchmal diskutiert haben“, sagt der 18-jährige Marc Ohle. Die Wahl sei auf Exponate gefallen, die die jungen Leute etwas angehen, mit denen sie etwas anfangen konnten. Dazu gehören ein Fotoleuchtkasten mit einer dunstigen, verödeten, endzeitlichen Landschaft und die aus den vier Buchstaben konstruierte Skulptur „Love“ von Dirk Bell. Marc Ohle hat die Skulptur „Adler IV“ von Rahel Bruns in die Ausstellung gebracht. Weil der Adler ein Symbol für Freiheit und Macht sei, wie er sagt: „Distanziert und frei von allem.“

„Vom Großen und Ganzen“, 8. August bis 4. Oktober, Herbert Gerisch-Stiftung, Neumünster.

„Das war Neuland für mich“
Lübecker Nachrichten: Sie sind Vorsitzender der Overbeck-Gesellschaft. Wie sind Sie Kurator geworden?

Dieter Witasik: Ich bin gefragt worden, ob ich bei diesem spannenden Projekt mitmachen würde.


LN: Wie ist es, in die Rolle des Kurators zu wechseln?

Witasik: Das war Neuland für mich. Als Kunstvereinsvorsitzender bin ich überwiegend mit organisatorischen Fragen befasst, als Kurator muss ich mich inhaltlich auseinandersetzen.
Das ist schon ein großer Unterschied.
LN: Welche Idee steckt hinter der Auswahl der Exponate, die Sie getroffen haben?

Witasik: Eine sehr persönliche Sicht. Emotionale und ästhetische Gründe spielen eine große Rolle. Außerdem war mir wichtig, dass eine gewisse Vielfalt widergespiegelt wird.



LN: Haben Sie Lust bekommen, mal eine Ausstellung in der Overbeck-Gesellschaft zu kuratieren?
Witasik: Nein. Mit Oliver Zybok haben wir dafür einen Vollprofi. Ich beschränke mich auf meine Tätigkeit. liz

Liliane Jolitz

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